3. Januar 2018

Anstieg von Geschlechtskrankheiten – wer ist betroffen?

In den letzten 10 Jahren kam es vielerorts, nicht nur in der Schweiz, zu einem Anstieg von gemeldeten Geschlechtskrankheiten (STI). Ein Teil des Anstieges lässt sich auf die vermehrte Laboruntersuchung auch von symptomlosen Personen zurückführen. Eine kürzlich im Open Forum Infectious Diseases aus Boston publizierte Studie ist der Frage nachgegangen, wer denn besonders betroffen ist von diesen neu diagnostizierten STI-Diagnosen. Gemäss dieser Arbeit sind

PrEP Benutzer und medizinisch schlecht versorgte Personen
besonders betroffen vom beobachteten Anstieg von STI Fällen. In diesen Personengruppen war der Anstieg in den Jahren 2005-2015 besonders deutlich. PrEP, bezeichnet die Prä-Expositionsprophylaxe (für HIV). Diese wird vor allem von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) benutzt. Oft wird vermutet, dass diese Männer als Folge der PrEP weniger Kondome benutzten und deswegen diese STIs häufiger übertragen. Doch diese Schlussfolgerung ist etwas überschnell. Denn die PrEP wird ja genau den Personen mit hohem sexuellem Riskoverhalten empfohlen. Es wäre ja nachgerade ein Zeichen einer schlechten Indikationsstellung für PrEP, wenn diese „PrEP-user“ nicht auch mehr STIs haben würden.

In der multivariaten Analyse waren neben PrEP use auch ethnische Minoritäten, junge Menschen (18-24-j.), HIV-positive Personen und nicht versicherte Personen besonders betroffen von STIs. In der Untenstehenden Abbildung zeigt eisch auch deutlich, dass

a) der Anstieg in den letzten 10 Jahren kontinuierlich aber überaus hoch ist
b) die PrEP user (in dieser Gegend um Boston) tatsächlich mehr STIs haben

Kondome sind keine Garantie gegen STIs
Viele Personen glauben, dass der Anstieg von STI eine Folge des vermehrten PrEP Einsatzes sei. Natürlich wird die Verfügbarkeit von PrEP bei den PrEP usern dazu führen, dass diese weniger Kondome benutzen. Aber das ist ja gerade auch die erlösende Seite von PrEP: Menschen, die sich nun über Jahrzehnte immer mit Kondomen gegen HIV schützen mussten, habe endlich eine Option, auch einmal ohne ständiger Angst vor HIV Sex geniessen zu können. Das wird auch dazu führen, dass der eine oder andere mal auf Kondome verzichtet.

Kondome schützen sehr wirksam gegen HIV, wie auch PrEP. Doch die Schutzwirkung für bakterielle STIs ist sehr bescheiden. Denn STIs werden sehr oft auch durch Petting, Lecken und Oralsex übertragen.

STI: Testen und Behandeln wirksamer
Die wichtigste Waffe gegen die Ausbreitung von STIs ist die frühzeitige Testung und rasche korrekte Behandlung derselben. Die Ausbreitung von STIs können wir so sehr wirksam bekämpfen. Insofern überrascht es auch nicht, dass in dieser Studie aus Boston Personen mit schlechtem sozioökonomischem Status von STIs besonders betroffen waren. Wenn wir sicherstellen können, dass jede und jeder mit Symptomen einer Geschlechtskrankheit sofort behandelt werden, dann haben wir schon einen wichtige Schritt gegen die Verbreitung der STIs gemacht.
In der Schweiz wollen wir durch die Einführung einer Franchisen Befreiung für STI-Diagnostik ebenfalls erreichen, dass nicht finanzielle Gründe Betroffene vor einer Abklärung zurückhalten.

Foto von Tomizak


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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