17. Oktober 2020

Schulschliessung während Pandemie: Bildungshistorische Sicht

Anmerkung der Redaktion: Diesen Gastkommentar hat der Autor, ein Bildungshistoriker, für infekt.ch verfasst. Er präsentiert hier seine persönliche Meinung (PV).

Vorbemerkungen
Ich bin ein Bildungshistoriker, kein Mediziner. Ich werde hier nicht diskutieren, ob und wieweit Kinder ansteckend sind, oder ob Schulen “Infektionscluster” sein können oder nicht. Dies ist nicht mein Metier. “Nicht pharmazeutische” Massnahmen zur Eindämmung einer Epidemie haben aber immer auch soziale, nicht nur medizinische Auswirkungen. Sie bedürfen daher einer Risikoabwägung und sorgfältigen Bilanz unter ausdrücklicher Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Kriterien. Historisches Wissen kann dazu beitragen, und einen solchen Beitrag möchte ich hier leisten.

Als Bildungshistoriker war ich diesen Frühling entsetzt, mit welcher Leichtfertigkeit in fast allen Ländern der Welt (mit der löblichen Ausnahme Schwedens) zur flächendeckenden Schliessung der Schulen gegriffen wurde, einer Massnahme, die in der Schulgeschichte der letzten 200 Jahre (!) noch nie Anwendung gefunden hatte. Die UNESCO hat das Phänomen in seiner Enormität über eine Web-Anwendung eindrücklich dokumentiert (link).

Flächendeckende Schulschliessungen 2020, gezielte Lösungen bei früheren Pandemien
Immer wieder wird bei der Diskussion über Covid-19 und die nicht pharmazeutischen Eindämmungsmassnahmen die Spanische Grippe bemüht. In der Tat ist diese Thematik, besonders in den Vereinigten Staaten, hervorragend studiert (www.influenzaarchive.org). Das erklärt sich natürlich auch damit, dass in den USA

  1. die Erinnerung an die Grippe nicht von der Erinnerung an den Krieg überschattet wurde
  2. die Archive nie durch Kriegshandlungen zerstört worden sind und
  3. die sprachliche Homogeneität des Landes flächendeckende quantitative Recherchen ermöglicht, für die wir in Europa schnell an unsere Grenzen stossen.

Immerhin existiert aber auch zu zu den europäischen Ländern in der Regel mindestens eine gut recherchierte Monographie.

Pietro Vernazza hat in diesem Blog bereits auf eine Studie von H. Markel verwiesen, die sich mit den nicht-pharmazeutischen Massnahmen in 50 grossen Staaten befasst und deren Effizienz bei der Eindämmung der Epidemie untersucht hat. Eine Erkenntnis dieser Studie ist, dass dort, wo schnell gehandelt wurde, die Verbreitung der Ansteckung erfolgreich verlangsamt oder sogar eingedämmt werden konnte. Bereits im Pandemieplan Schweiz wurde auf andere, vergleichbare Studien und Ergebnisse aus den USA verwiesen. Aus historischer Sicht ein Anhaltspunkt dafür, dass der Bundesrat im März gut beraten war, schnell und entschlossen zu handeln. Heisst dies aber, dass die Schliessung der Schulen eine sinnvolle Entscheidung war? Die Lektüre der zitierten Studie wirft Zweifel auf. In New York und Chicago gingen die Schulen nicht zu, aber die Epidemie-Bilanzen (lies: Grippetote pro 100.000 Einwohner) waren am Ende bei weitem nicht die schlechtesten. Beide Städte situieren sich, auch dank rasch getroffenener Massnahmen (Verschiebung der Arbeitszeit für die öffentlichen Angestellten zwecks U-Bahn-Entleerung, Belüftung in den grossen Bahnhöfen, Pflicht zur Benutzung von Nastüchern beim Schneuzen, Maskenpflicht), sogar im oberen Mittelfeld. In einer anderen Studie (Stern et al, 2009) haben Alexandra M. Stern, Martin S. Cetron und Howard Markel explizit Schulschliessungen untersucht. Zu den Schlussfolgerungen dieser Studie gehört, dass Schulschliessungen während der Spanischen Grippe in den USA:

  1. weit verbreitet waren,
  2. lokal sehr unterschiedlich gehandhabt wurden und
  3. je nach Art der Durchführung sehr unterschiedliche Ergebnisse hatten, weil die Art der Durchführung der Massnahme fast wichtiger ist als die Entscheidung zur Massnahme an sich.

Eine “Wunderwaffe” zur Eindämmung von Epidemien sind Schulschliessungen also sicher nicht. Deren Effizienz hängt stark von der Qualität der lokalen Umsetzung ab, wie auch neuere US-Studien zu den Schulschliessungen von 2009 bestätigen (Navarro et al, 2016). Damals wurden während der Schweinegrippe vielerorts Schulen geschlossen, in der Regel für nicht mehr als eine Woche.

Die verfügbaren historischen Daten zu Europa bestätigen diese Befunde. In keinem grossen europäischen Land wurden die Schulen 1918 flächendeckend geschlossen, dagegen waren regionale “Grippeferien” von in aller Regel 2-4 Wochen ein weit verbreitetes Phänomen. Selbst im zentralistischen Frankreich wurde die Entscheidung den Präfekten überlassen, welche im Einvernehmen mit den lokalen Gesundheits- und Schulbehörden handelten. Auch die Opferbilanzen sind extrem unterschiedlich und nur schwer bestimmten nicht pharmazeutischen Massnahmen einzelner Behörden zuzuschreiben. Auf die extreme Schwierigkeit bei der “Erfolgsbilanz” nicht pharmazeutischer Massnahmen hat ja auch Pietro Vernazza bereits im Blog hingewiesen. Aus historischer Sicht kann man dies nur bestätigen. Auch 1957, als der Grippeausbruch im Herbst losging, gab es in ganz Europa nur lokale und zeitlich sehr begrenzte Schulschliessungen, woran die Ältesten unter uns sich noch erinnern mögen.

Die Verschiebung des Entscheides auf die nicht-nationale (Bundesstaat, Land, Kanton usw.), wenn nicht sogar auf die lokale Ebene, ist in allen Erfahrungen mit Schulschliessungen zur Epidemieeindämmung eine Konstante.

Angst als Motor politischen Handelns
Warum also sind 2020 weltweit ganze Bildungssysteme praktisch über Nacht verriegelt worden? Und warum wurden, in kompletter Spagatstellung zu einer aus der historischen Forschung längst bekannten über 100 Jahre langen Tradition, die entsprechenden Entscheidungen überall auf die Ebene der Zentralregierungen verschoben? Hierzu gibt es aus der Forschung immerhin erste Anhaltspunkte. Eine politikwissenschaftliche Studie aus Schweden und der Schweiz (Sebhatu et al, 2020) zur Corona-Politik der OECD-Staaten ergab Erstaunliches: Die Lockdown-Entscheide korrelierten am besten mit politisch-kommunikativen Faktoren und zeigten keine Korrelation mit epidemiologischen Daten, Auslastung des Gesundheitssystems oder politischer Stabilität. Der wichtigste politisch-kommunikative Faktor, insbesondere in gut funktionierenden Demokratien, war der bereits in den Nachbarstaaten getroffene Entscheid. Anders ausgedrückt: Während 1918 (und auch 1957) die Heterogenität lokaler Situationen zu unterschiedlichen lokalen Strategien führte, setzte sich 2020 eine Art “Corona-Mainstream” durch. Es wurde in extrem unterschiedlichen Kontexten Massnahmen ergriffen, die vom Zeitpunkt und der Art der Durchführung auffallend ähnlich waren. Aus Angst vor selbständiger Entscheidungsfindung (und Verantwortung) übten sich die meisten Regierungen  in der Nachahmung. Diese Dynamik hat auch bei den Schulschliessungen eine  Rolle gespielt.

Dies hätte gerade in der Schweiz nun wirklich verhindert werden können. Wir hatten einen gut geschriebenen und 2018 zuletzt aktualisierten Pandemieplan, der auch die sozialwissenschaftliche und historische Kenntnislage berücksichtigt. Schulschliessungen werden in diesem Dokument mit viel Skrupel diskutiert, es werden klare Richtlinien erstellt und es heisst (S. 44): “Nur im Falle einer schweren Pandemie sind flächendeckende Schulschliessungen – nach dem Verhältnismässigkeitsprinzip – in Betracht zu ziehen. Sobald das Virus flächendeckend auftritt, sind proaktive Schulschliessungen aus epidemiologischer Perspektive nicht mehr sinnvoll.” Auf S. 45 gibt der Pandemieplan sogar eine Grössenordnung für die Dauer vor: “Proaktive Schulschliessungen sollen angeordnet werden, bevor eine signifikante Übertragung des Virus zwischen den Schülern bekannt ist. Proaktive Schulschliessungen können zwei bis vier Wochen dauern, entsprechend dem jeweiligen Pandemieverlauf.” Vier Wochen, das wäre Mitte April gewesen, als 1. der Virus auf dem ganzen Gebiet der Schweiz verbeitet war und 2. die medizinische Evidenz da war, dass Kinder den “neuen Coronavirus” nicht signifikant verbreiten. Aus der Geschichte der grossen Pandemien wussten wir, dass die Schulschliessung allein keine Garantie für eine gute Epidemiebilanz ist, dieses historische Wissen war aus den hier zitierten amerikanischen Studien vorhanden und offensichtlich auch in den Pandemieplan eingeflossen. Am Ende war aber die Angst offenbar stärker als die wissenschaftliche Evidenz!

Angst ist ein schlechter Ratgeber
Leider muss man feststellen, dass dieser Angstmechanismus immer wieder funktioniert und zu massiven Eingriffen in konsolidierte Mechanismen des hochkomplexen Systems der “Bildungslandschaft Schweiz” geführt hat. Ein eindrückliches Beispiel ist die teilweise Nichtdurchführung der Maturaprüfungen. Immerhin musste dazu der Bund im Hauruckverfahren die Matura-Anerkennungsverordnung abändern. Auch diese Massnahme gründete nicht auf der Epidemielage, sondern auf der Angstlage in den Kantonen. Ich verweise hier auf einen hochinteressanten Beitrag in der Zeitschrift “Gymnasium Helveticum”, in dem der Präsident des Schweizerischen Gymnasiallehrerverbandes diesen Mechanismus mit bestechender Klarheit darstellt. Der Verzicht auf die Maturaprüfungen, so seine Schlussfolgerung, war nicht eine Folge der Epidemielage sondern der Zahl der Maturanden und der steigenden Angst vor Ansteckungen. Auch der Nachahmungstrieb lässt sich in Form eines West-Ost-Gefälles leicht als bestimmender Faktor für die Entscheide erkennen. Es ist nach gerade verblüffend, wie eine Mikrostudie hier die Ergebnisse der Makro-Studie zur Politik der OECD-Staaten praktisch repliziert.

Schulschliessungen nicht grundsätzlich abzulehnen
Ich möchte nicht missverstanden werden: Schulschliessungen können sinnvoll sein, um Epidemiewellen zu verlangsamen, Zeit zu gewinnen und die Spitäler vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Der von mir zitierte Howard Markel hat diesen Frühling die Behörden in den USA zu raschem und entschlossenem Handeln aufgerufen und dabei auch Schulschliessungen ausdrücklich angesprochen. Dogmatismus hilft in komplexen Situationen nicht weiter, und es gibt eben nicht immer “richtige” oder “falsche” Massnahmen, aber es gibt Massnahmen, die adäquat in ihren sozialen Kontext eingefügt sind oder eben nicht. Ob in einem Sektor wie der Schule, dessen operative Führung Art. 62 unserer Bundesverfassung ausdrücklich den Kantonen zuschreibt, mit einer Verlagerung der Entscheide nach oben (Bundesrat) statt nach unten (Gemeinden, Schulleitungen) die adäquate Einbettung einer so delikaten Massnahme wie Schulschliessungen in ihren sozialen Kontext optimal garantiert war, das bezweifle ich. Und wie wir gesehen haben, hat die Zentralisierung auch nicht zu einer effizienteren oder besseren Entscheidungsfindung geführt. Dass dieser ungesunde Trend zu zentralisierten Hauruck-Lösungen in der ganzen Welt zu beobachten war, ist kein guter Grund, ihn deswegen zu befürworten.

Sehr wahrscheinlich hat bei diesem rüpelhaften Umgang mit der Schule die Vorstellung eine Rolle gespielt, dank dem “Potential” der Internet-Konferenztools sei es ja nun möglich, den “Präsenzunterricht” (wie ihn die Covid-19-Verordnung des Bundesrates nicht ganz zufällig nennt) einfach durch digitalen Fernunterricht zu ersetzen. Als Bildungshistoriker muss ich die Aussage, Fernunterricht sei etwas revolutionäres, dementieren. Schon 1918 kam Fernunterricht auf postalischem Weg an so unterschiedlichen Orten wie Los Angeles (man kann dies bei Cetron, Markel & Sterne 2009 nachlesen) und im Kanton Tessin (ich habe es im Rechenschaftsbericht des Regierungsrates gefunden) zum Einsatz. Schon 1940 setzte Frankreich in den nahe an der Front liegenden Dörfern das Radio als Mittel zum Fernunterricht ein. Ich könnte viele solche Beispiele bringen. Über das Potential bzw. die Grenzen von Unterricht per Videokonferenz und Aufgabenstellung und -bewertung auf einer Lernplattform lässt sich streiten. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben mit grossem Engagement dafür gesorgt, dass dies einigermassen funktionierte, wofür wir ihnen dankbar sein sollten. Aber konzeptuell neu ist das alles nicht.

Ich gehe hier bewusst nicht auf eine Frage ein, auf die der eine oder andere sich vielleicht von mir als Bildungswissenschaftler eine Antwort erhoffte, die Frage nach dem “Bildungsschaden”, den zwei Monate Schulunterbruch und die Absetzung zahlreicher Prüfungen (Lehrabschluss, Matura) angerichtet haben. Es ist schlicht und einfach noch zu früh. Man wird aber gespannt sein dürfen, was in den für 2021 geplanten PISA-Erhebungen herauskommen wird. Diese werden auch die Dauer der Schulschliessung erheben und in die Analyse der Ergebnisse einfliessen lassen. In der Schweiz wird es auch interessant sein, was die 2022 anstehende Überprüfung der Grundkompetenzen bei Primarschülern aussagen wird.

Schlussbemerkung
Der eine oder andere wird sich noch an die Schweinegrippe-Pandemie von 2009 erinnern. Damals wurden in den USA wie in Europa lokal Schulen geschlossen, in der Schweiz kam es dazu meines Wissens nicht. Dafür wurde viel vorbeugend gearbeitet, ich kann mich noch erinnern, dass in den Schulen (jedenfalls im Tessin) auf häufiges Händewaschen und In-den-Ellbogen-Pfnüseln geachtet wurde, dass Krankheitsfälle mit grosser Vorsicht behandelt wurden. Letzte Woche war ich zu einem Praktikums-Schulbesuch in einer Scuola media (Sekundarstufe I). Ich war beeindruckt vom Ernst und der Effizienz, mit denen Lehrer und Schüler im Klassenzimmer und ausserhalb des Klassenzimmers Hygienemassnahmen gemeinsam einhalten. Damit dürfte es möglich sein, die nächsten Monate hindurch einen geordneten Unterrichts- und Lernbetrieb ohne Panik aufrecht zu erhalten und der Schule ihre Rolle als Ort des Lernen von Sozialkompetenzen (wozu auch die jetzigen Hygienemassnahmen gehören!) nicht zu nehmen. Ich wünsche dies der Schule, den Lehrerinnen und Lehrern und den Schülerinnen und Schülern, denn für die Schweiz gilt, dass Bildung unser Erdöl ist und Schulschliessungen mit grosser Vorsicht zu handhaben sind. Flächendeckende Schulschliessungen durch den Bundesrat, wie wir sie diesen Frühling erlebt haben, hoffe ich nicht mehr zu erleben.

Foto Antique German classroom by quinet


Wolfgang Sahlfeld

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