6. April 2020

Schulen schliessen – hilfreich oder nicht?

Der Bundesrat musste am 13. März 2020 rasch handeln. Gut, hat er das beherzt getan. Denn wenn wir von der Spanischen Grippe vor 100 Jahren etwas wissen: Die Staaten, die rasch handelten, hatten schon damals tiefere Mortalitätsraten (Markel, JAMA, 2007). Aus den Erfahrungen der Spanischen Grippe und auch von Modellberechnungen während der Schweingegrippe wissen wir, dass Schullschliessungen – für die Eingrenzung der Influenza – hilfreich sind.

Naheliegend, dass man aus Analogie zur Influenza auch dasselbe für Covid-19 beschliesst. Meinem Motto, „Follow the Science“ folgend, möchte ich im Folgenden der Frage nachgehen, ob wir heute, fast vier Wochen später und mit mehr Bedenkzeit einen solchen Entscheid überprüfen sollten.

Neue Evidenz
Es ist einfacher, wenn man zur Beantwortung einer solchen Frage neue Daten zur Verfügung hat. Solche liegen nun vor und können in die Entscheidungsfindung zur Verlängerung der Schulschliessung einbezogen werden.

Eine Metananalyse (Zhu et al, MedRxiv, 26.3.20) hat versucht, die Rolle der  Kinder für die Ausbreitung der Epidemie zu erfassen. Die Autoren haben insgesamt 31 publizierte kleine Krankheitsausbrüche in Familien untersucht. Sie entdeckten, dass bei weniger als 10% dieser Ausbrüche (3/31) ein Kind die Quelle der Covid-19 Übertragungen war.  Das ist überraschend, denn von der Grippe wissen wir, dass Kinder ganz wichtigeÜberträger sind. Die Autoren zeigen, dass bei den gefürchteten Vogelgrippe-Ausbrüchen (H5N1) mehr als 50 Prozent der Fälle von Kindern ausgehen. Offenbar scheint sich die Ausbreitung von Covid-19 deutlich von derjenigen der Influenza zu unterscheiden. Das ist eine wichtige Erkenntnis, wenn wir bedenken, dass unser Entscheid, die Schulen zu schliessen, sich ganz auf die Erfahrungen mit Grippepandemien abstützte.

Mathematische Modelle zeigen in die gleiche Richtung
Eine weitere wichtige Arbeit wurde von Davies et al auch im MedRxiv am 27.3.20 publiziert. Diese Autoren haben die Folge der deutlich reduzierten Symptomrate bei Kindern untersucht. Wir haben zwar noch keine gute Erklärung für das Phänomen, doch wir wissen, dass Kinder sehr viel seltener mit Covid-19 erkranken oder Symptome zeigen. Die Autoren kommen zum Schluss, dass die auffallend andersartige klinische Präsentation der Infektion bei Kindern auch dazu führt, dass sich die Krankheit bei ihnen anders ausbreitet (was ja in der oben erwähnten Arbeit ebenfalls aufgezeigt wird). Die Autoren vergleichen in mathematischen Modellen auch die Ausbreitung der beiden Infektionen Covid-19 und Influenza. Der Vergleich deckt einen wesentlichen Unterschied zwischen Covid-19 und Influenza auf: Während sich die Ausbreitung von Influenza durch das Schliessen von Schulen deutlich verzögern lässt, ist ein solcher Effekt bei Covid-19 nur noch marginal nachweisbar. Eine andere Studie, die auch kürzlich die Effekte von social distancing Massnahmen in Singapur modellierte, zeigte einen Effekt der Schulschliessung (Koo Lancet, 23.3.20). Da das Berechnungsmodell, welches Koo et al. einsetzt, sich noch auf das klassische für Influenza entwickelte Modell abstützt, überrascht es nicht dass die Resultate von denjenigen unter Einbezug der Erkenntnis von Daten bei Kindern mit Covid-19 abweichen.

Sollen wir jetzt die Schulen wieder öffnen?
Die Frage zum weiteren Vorgehen muss gut abgewogen werden. Doch wir sind jetzt in einer Situation, in der zu erkennen ist, dass die Entscheidung, welche damals unter Zeitdruck gefällt wurde, heute anders lauten könnte. Wir wissen jetzt, dass die Influenzapandemiedaten nicht für Covid-19 anwendbar sind.

Ein weiteres Problem kommt hinzu: Auch wenn Kinder offenbar nicht massiv zur Weiterverbreitung beitragen, können sie die Krankheit durchmachen; dies in aller Regel mit sehr milden Symptomen. Weshalb also müssen wir sie unbedingt vor einer Infektion schützen?.

Sicher, wenn wir die Kinder wieder in die Schule schicken, wie dies Schweden bisher ohne grössere Problem tut, so müssen wir auch dafür sorgen, dass die Hygienemassnahmen für die ältere Bevölkerung sowie für die Kinder weiterhin beachtet werden. Auch wenn wir längerfristig die Ausbreitung von Covid-19 nicht verhindern können, müssen wir dafür sorgen, dass die Ausbreitung nicht allzu schnell voranschreitet.

Wie wird der Bundesrat die Frage nach den Ferien entscheiden?
Nach dem Motto Follow the Science, würde ich ich die Schulen nach den Ferien wieder öffnen. Ich wünsche es den Schülern und Eltern, dass dies so klappt. Möglich, dass mir wichtige Entscheidungsgrundlagen fehlen. Ich hoffe aber, dass die hier vorgelegte Evidenz angemessen einbezogen wird und ich bin zuversichtlich, dass der Bundesrat den Entscheid nicht leichtfertig fällen wird.

 

Nachtrag vom 12. April 2020
Am Erscheinungstags dieses Blogs (6.4.20) ist exakt zu diesem Thema im Lancet Child and Adolescent Healht Health (Viner et al.) ein systemtischer Review erschienen. Der Artikel fasste 16 Arbeiten zusammen. Die Schlussfolgerungen decken sich im Wesentlichen mit unseren: Die wissenschaftliche Beurteilung zeigt, dass das Schliessen von Schulen keinen relevanten Einfluss auf die Ausbreitung der Covid-19 Epidemie hat. Die Autoren diskutieren auch die Unterschiede zwischen Influenza und Covid-19 und die möglichen Ursachen für die unterschiedlichen Ursachen.

Wir haben das Bundesamt für Gesundheit und auch die Expertengruppe schon vor Erscheinen dieses Blog-Artikels auf die fehlende Evidenz der Schulschliessung hingewiesen. Dennoch hat der Bundesrat am 8. April 2020 die Schulschliessung verlängert. Wir bedauern, dass wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse nicht adäquat in den politischen Entscheidungsprozess einbezogen wurden. Wir setzen alles dran, diese Evidenz so zeitnah wie möglich aufzuarbeiten und schätzen es sehr, wenn sie auch zur Kenntnis genommen wird.

Foto von ThomasKohler

 


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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