20. September 2020

Haben viele Menschen bereits eine Immunität gegen Covid?

So titelt der Editor vom British Medical Journal (BMJ), Peter Doshi, seinen lesenswerten Text in der Ausgabe vom 17.9.20. Darin zeichnet er sehr klar auf, dass es an der Zeit sei, die zellvermittelte Immunantwort besser zu berücksichtigen als dies bisher geschah. In der Tat, man könnte meinen, wir sind in einem Tatsachen-Lockdown.

Zelluläre Immunantwort gegen Covid-19 schon länger bekannt
Bereits am 13. April 2020 hatten wir auf infekt.ch darauf hingewiesen, dass die Immunantwort besser anhält, als dass es uns die Medien vermittelten. In einem Nachtrag vom 12. Juli im gleichen Artikel, also vor mehr als 2 Monaten, haben wir auch auf  die wesentliche Rolle der zellulären Immunantwort hingewiesen (und referenziert). An einer Kurztagung vom 19.8.20 in Bern, an der auch mehrere Kolleginnen und Kollegen der Task-Force anwesend waren, hatte ich in meinem Referat (pdf, S 14/15, Video Minuten 11-14) darauf hingewiesen, dass wir erst Jahre nachdem die 2009-Schweingegrippe nicht den prognostizierten Verlauf nahm, durch das Studium der zellulären Immunantwort verstanden haben, weshalb sich die Schweinegrippe-Pandemie milder entwickelte hat, als wir das prognostizierten.


Mit der Frage «Deja-Vu» hatte ich dann im Slide 15 ein paar Arbeiten zitiert, welche schon heute darauf hinweisen, dass viel mehr Personen, als bisher angenommen, eine vorbestehende Kreuzimmunität (von anderen Coronaviren) haben oder bereits nach einem Kontakt mit Sars-Cov-2 eine zelluläre Immunantwort aufgebaut hatten.

Wenig Medienberichte über Zelluläre Immunität
Zugegeben, das Wesen der zellulären Immunität zu erklären, ist nicht einfach. Und doch, dem Wissenschaftsjournalist Alan Niederer ist dies im Artikel vom 17.8.20 sehr gut gelungen. Auch Martina Frei, wie Alan Niederer auch selbst Medizinerin, hat im TA schon lange über die Bedeutung der zellulären Immunität berichtet (TA 25.7.20 oder  20.5.20). Doch diese Journalisten sind Ausnahmen. Viel lieber berichten Medien auch noch Ende August wie auf top online «Coronavirus: Immunität schwächer als angenommen». Dabei wären die Informationen doch wichtig für unser Verständnis der Epidemiologie. Und auch wenn die Ergebnisse noch weiter erforscht werden müssen, es sind immer mehr Hinweise, die sich nun langsam zu einer Evidenz verdichten, die man nicht mehr unterschlagen darf.

Population immunity: underestimated?
Und offenbar bin ich nicht ganz alleine: In seinem BMJ Editorial macht Peter Doshi klar, dass es höchste Zeit ist, dass wir die Erkenntnisse zur zellulären Immunantwort einbeziehen. Insbesondere hebt er auch die Rolle der zellvermittelten Kreuz-Immunität  durch andere Coronaviren hervor. Er zitiert dabei Altmann und Boyton die bereits am 17. Juli schrieben:Peter Doshi schreibt auch, dass man die Diskussion über «Herdenimmunität» neu führen müsse, wenn man die zelluläre Immunität einbezieht (s. auch infekt.ch 12.9.20). Natürlich müssen die Arbeiten noch überprüft werden, doch er erachtet es durchaus als möglich, dass unsere heutige Beobachtung von milden Erkrankungen bei steigenden Fallzahlen auch eine Folge der (noch unterschätzten) zellulären Immunantwort sein könnte.

Er zitiert die Epidemiologin Sunetra Gupta aus Oxford, die meint:
«Wir gehen allgemein davon aus, dass wir den Lockdown einführten, als die Zahlen am Steigen waren. So erwarten wir auch, dass die Zahlen nach dem Lockdown wieder ansteigen würden. Doch das ist nicht eingetreten. Die Frage ist, weshalb!»

Gupta erwähnt eine mögliche Antwort: Wenn sehr viel mehr Personen angesteckt waren und «nur» eine zelluläre Immunantwort entwickelten, dann würde dies sehr gut erklären, weshalb die Zahlen rückläufig sind und später vorwiegend milde Erkrankungen beobachtet werden.

Peter Doshi fasst zusammen: Wir haben nun eine grosse Menge von Forschungsresultaten die uns optimistisch stimmen sollten. Die Zelluläre Immunantwort hinterlässt auf jeden Fall einen langjährigen Schutz. Und die neuen Resultate zur Kreuzimmunität könnten auch erklären, weshalb wir bei Kindern seltener Erkrankungen beobachten.

Studie aus Schweden unterstützt die Hypothese
Der Immunologe Marcus Buggert aus Schweden meint, dass die schwindenden Fallzahlen unmöglich durch die klassische «Herdenimmunität» mittels Antikörper erklärt werden kann. Denn so strikte hätten sich die Schweden auch nicht verhalten und die social distancing Massnahmen würden abnehmen. «Maybe there is more immunity out there». Seine Studie (Sekine et al, 2020) ist erst als preprint verfügbar. Doch auch diese Schwedische Gruppe fand eine sehr eindrückliche zelluläre Immunantwort bei mild oder asymptomatisch Erkrankten. Insbesondere bestätigen diese Autoren, was schon Gallais et al. berichteten (s. infekt.ch): Viele Personen, die  im Haushalt einer infizierten Person lebten, haben auch eine Immunantwort, ohne dass man eine Infektion nachweisen konnte. Buggert meint, praktisch 90% der Haushaltkontakte haben eine Immunantwort.

Vielleicht doch ein Deja-Vu?
In seinem Editorial vom 17.9.20 verwendet Peter Doshi im Textkästchen exakt dieselbe «deja-vu»-Frage wie ich in meinem Vortrag präsentiert hatte.

Science first: Viele Informationen sind noch neu. Hypothesen sollen sorgfältig geprüft werden. Sicher können wir nicht sagen, nun sei alles vorüber. Das wäre nicht wissenschaftlich. Ich denke aber, es ist an der Zeit, dass wir unsere Strategien überprüfen und dabei unsere zahlreichen Studien zur zellvermittelten Immunantwort einbeziehen. Nicht, dass wir ohne Lehren aus der Schweinegrippe noch lange im Blindflug verharren.

Foto von AJC1


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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