20. November 2020

Kinder in Coronazeiten

Heute ist Internationaler Kindertag. Grund genug, die Situation der Kinder in der aktuellen Pandemie zu beleuchten. Sicher ist, dass es nicht gerechtfertigt ist, Kinder weiter als möglicherweise „gefährlich“ zu verdächtigen. Im Gegenteil, neuen Untersuchungen zufolge könnte das Zusammenleben mit Kindern vor COVID-19 schützen.

Kinder als „heimliche“ Treiber der Pandemie?

Diese Woche haben wir über die mutmassliche Gefährlichkeit von Kindern in 20 Minuten gelesen: Jedes zweite Corona-positive Kind steckt die Familie an. Genauer hingeschaut zeigt sich, dass in der zitierten Studie 101 Indexpersonen (jeweils die zeitlich ersten positiv getesteten Personen in einer Übertragungskette) untersucht wurden, wovon gerade mal fünf (!) Kinder < 12 Jahre alt waren, das Jüngste davon 4-jährig. In den Familien dieser 5 Kinder gab es 9 weitere Infektionen bei total 17 exponierten Haushaltmitgliedern. Daraus entstand diese Schlagzeile, prominent platziert auf der Startseite, die so eine falsche Information vermittelt! Die eigentliche Botschaft aus dieser Studie ist, dass Übertragungen durch Kinder im gleichen Haushalt zwar möglich sind, aber selten vorkommen. D.h. diese Studie beweist sicherlich nicht ein mit Erwachsenen vergleichbares Infektionsrisiko durch Kinder. Bei reisserischen Schlagzeilen lohnt es sich immer genau hinschauen! Dies ist nur ein Beispiel verschiedener Anschuldigungen, dass Kinder „heimliche“ Treiber der aktuellen Pandemie sind. Wir erinnern uns z.B. auch an die im Verlauf revidierte Studie (Preprint) zu den kindlichen Viruskonzentrationen von Christian Drosten kurz vor Öffnung der Schulen.

Generalverdacht für Kinder oder Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Vorsicht ganz zu Beginn einer Pandemie ist gerechtfertigt. Alle Pandemiepläne sehen primär Schulschliessungen vor. Dies basiert auf Erkenntnissen zu Grippepandemien durch das Influenzavirus. Interessanterweise ist aber selbst hier das Wissen begrenzt. Für SARS-CoV-2 hingegen standen bereits in China Kinder nur selten zu Beginn von Übertragungsketten und eine Zusammenstellung der Erfahrungen aus Asien zeigten keinen relevanten Anteil der Schulschliessungen an der Bekämpfung der Pandemie. Diese Erkenntnisse zeigten sich später dann auch in Europa. Nach Wiedereröffnung der Schulen wurden verschiedene Untersuchungen in Schulen durchgeführt. Fazit: wenig symptomatische Kinder, Anstieg mit dem Alter, Indexpatienten fast ausschliesslich Lehrer, wenig Hinweise auf Weitergabe von Infektionen. Hier wurde argumentiert, dass diese Untersuchungen während tiefer Fallzahlen im Sommer erfolgt sind. Auch Daten von Antikörperstudien (Seroprävalenzen, indirekter Virusnachweis) u.a. aus der Schweiz ergaben, dass Antikörper gleich häufig vorhanden sind wie bei Erwachsenen. D.h. Kinder entwickeln häufiger Antikörper, aber es bleibt unbemerkt, weil Krankheitszeichen fehlen (asymptomatische Infektionen). Aber sind sie deshalb auch gleich infektiös? In den Übertragungsketten konnte man das bisher nie erkennen. Neu gibt es Untersuchungen mit Rachenabstrichen (direkter Virusnachweis) bei Schulkindern und Lehrern aus Österreich (Gurgelstudie) und Deutschland (Hamburg) in Zeiten steigender Infektzahlen, die weiterhin nur wenige Kinder identifizieren, die das Virus mit sich tragen. Von über 10’000 zufällig augewählten Teilnehmern waren 40 positiv. Vorsicht ist gut, aber irgendwann sollten den Beobachtungen auch Handlungen folgen. Ist es nicht erschreckend, dass trotz aller Erkenntnisse weltweit am Internationalen Kindertag 2020 für mehr als 200 Millionen Schüler die Schule immer noch nicht oder nur teilweise wieder begonnen hat?

Neue Untersuchungen deuten auf mögliche Schutzwirkung vor COVID-19 durch Kinder

Hinzu kommen nun verschiedene Untersuchungen, z.B. eine Studie (Preprint) mit mehreren Tausend Mitarbeitern von Gesundheitsinstitutionen in der Schweiz oder eine Untersuchung (Preprint) von mehr als 9 Millionen Personen in England. Untersucht wurden SARS-CoV-2 Infektionen bei Haushaltskontakten, denn im Haushalt weden die meisten Infektionen weitergegeben. Interessant ist nun, dass ein Zusammenleben mit Kindern <12 Jahren nicht nur kein erhöhtes Infektionsrisiko bedeutet, sondern sogar Vorteile zu haben scheint. Von dem schützenden Effekt in der Schweiz haben wir berichtet (siehe Risikofaktoren für COVID-19 beim Spitalpersonal). Auch in England bliebt das Zusammenleben wie auch Schulschliessungen ohne Einfluss auf die Infektionshäufigkeit. Als Vorteil ergab sich hier sogar ein leichter Schutz vor Todesfällen durch COVID-19. Bereits vor einigen Wochen zeigte sich in einer grossen Haushaltsstudie aus Schottland ein protektives Signal vor COVID-19 beim Zusammenleben mit Kindern im Alter <12 Jahren. Obwohl die genauen Gründe dafür noch unklar sind, ist dies zumindest ein starkes Zeichen, welches im Interesse der Kinder Beachtung verdient!

Erklären endemische Coronaviren die Schutzwirkung?

Die 4 endemischen Coronaviren HCoV (229E, OC43, NL63 und HKU1) sind seit den 1960iger Jahren bekannt, zeigen eine strenge Saisonalität zwischen Dezember bis April/Mai und führen praktisch ausschliesslich zu milden oberen Atemwegsinfektionen. Von 10 dieser häufigen Erkrankungen sind 1-2 durch endemische Coronaviren (auch „Schnupfenviren“ oder CCCoV = common cold coronavirus) verursacht. Doppelt so häufig – verglichen mit anderen Altersgruppen – treten „Schnupfenviren“ im Vorschulalter auf. D.h. wir haben regelmässigen Kontakt. Und erkranken dann entweder leicht oder auch nicht und während einiger Monate lassen sich im Anschluss bei einem Teil passende Antikörper nachweisen. Voraussetzung für die Antiköperbildung sind spezifische T- und B-Zellen. Dies sind spezialisierte Immunzellen, die Bestandteile von CCCoV erkennen oder wiedererkennen. Ein Teil der T-Zellen kann vom Virus befallene Körperzellen direkt abtöten und B-Zellen entwickeln durch die Hilfe anderer T-Zellen zu Plasmazellen und damit zu „Antikörperfabriken“ gegen das Virus. Doch was haben die CCCoV nun mit der aktuellen Pandemie zu tun?

Nun, seit Anfang Jahr hat sich gezeigt, dass nicht alle Menschen Krankheitszeichen entwickeln, die relevanten Kontakt mit einer infektiösen Person haben d.h. v.a. Haushaltskontakte. Auch sind die Ursachen für die seltenen Erkrankungen und milden Verläufe im Kindesalter nicht geklärt. Im Sommer haben dann verschiedene Artikel eine „Hintergrundimmunität“ gegen SARS-CoV-2 beschrieben. U.a. zeigten mindestens 30-50% der untersuchten Blutspender aus den Jahren 2015-2018 spezifische T-Zellen gegen SARS-CoV-2 (Braun et al, Grifoni et al). Als Erklärung entstand u.a. die Hypothese, dass hier eine Kreuzimmunität durch Immunität gegen ein oder mehrere endemische Coronaviren vorliegen könnte. D.h. das Immunsystem kann aufgrund der Ähnlichkeit einzelner Oberflächenstrukturen zwischen den Schnupfenviren und SARS-CoV-2, das neue Virus ganz oder teilweise abwehren, obwohl es SARS-CoV-2 noch nie begegnet ist. Unklar blieb im Sommer, ob die „Hintergrundimmunität“ – ähnlich wie bei einer Impfung – auch Schutz vor Infektion verleiht? Die oben angeführten neuen Studien aus Schottland, England und der Schweiz könnten darauf deuten. Allerdings bleibt auch dies vorerst eine Hypothese, die bestätigt oder verworfen werden muss. Denn leider ist es ja gleichzeitit auch Tatsache, dass trotz der häufigen Kontakte mit CCCoV und der nachgewiesenen „Hintergrundsimmunität“, sich das neue pandemische Coronavirus SARS-CoV-2 immer noch effizient verbreitet. Offensichtlich reicht der Teilschutz nicht immer aus. Zumindest jenseits vom Kindesalter.

Besteht nun regelmässiger Kontakt mit Kindern könnte das Immunsystem aber häufiger an CCCoV erinnert werden und die Kreuzimmunität verstärken. Eine Arbeit von Anfang November zeigt tatsächlich bei kindlichen Proben der Jahre 2011 bis 2018 deutlich mehr kreuzreagierende (auch neutralisierende) Antikörper verglichen mit Erwachsenen. Leider wurden keine Resultate aus Proben von Erwachsenen aus denselben Haushalten beschrieben und verglichen mit Proben von Erwachsenen ohne Kinderkontakt. Dennoch erscheint dies ein weiterer Puzzlestein, der die Hypothesen der Kreuzimmunität und Schutzwirkung durch CCCoV bestärkt. Erfreulicherweise zeichnet sich ab, dass weitere Erkenntnisse folgen werden, denn an der Charité in Berlin hat eine Forschungsgruppe (verantwortlich für eine der oben angeführten Arbeiten) mit einer entsprechenden Studie begonnen. Wir sind auf die Resultate sehr gespannt.

Kinder haben Anrecht auf aktive Schadensbegrenzung

Zusammenfassend ist es sicher ungerechtfertigt und falsch, weiter Angst vor Ansteckungen durch Kinder zu schüren! Insbesondere, wenn wir uns die Realität vor Augen führen, dass Kinder seit Beginn alle Massnahmen mittragen, obwohl sie selbst gar nie gefährdet waren. Dies zeigen epidemiologische Studien aus vielen Ländern der gesamten Welt und es deckt sich ganz klar auch mit unseren Beobachtungen im kinderärztlichen Alltag. Bei den wenigen Kindern, welche ein positives Testresultat haben, gibt es in praktisch jedem Fall eine erwachsene Kontaktperson innerhalb von Familie, Verwandtschaft oder naher Umgebung mit bereits bestätigter COVID-Erkrankung. Trotzdem werden Kinder die Folgen der aktuellen Massnahmen viele weitere Jahre mittragen müssen. Schulschliessungen ändern höchstens marginal den Verlauf der Pandemie, schaden aber ganz klar den Kindern. Kollateralschäden wie z.B. Einbussen in der Bildung sind bereits sichtbar. Wir alle sollten daher helfen, den Schaden zu begrenzen. Dies sollte uns besonders am heutigen Tag bewusst werden.

Teile dieses Artikels wurden 20 Minuten als Replik auf den oben angeführten Artikel zugestellt. Die Replik verfasst haben Prof. Roger Lauener, Dr. Anita Niederer-Loher und der Autor des vorliegenden Beitrags. Alle arbeiten u.a. als Kinderärzte am Ostschweizer Kinderspital.


Dr. med. Christian Kahlert

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