29. Juni 2021

Brief an einen Sohn

Mein Lieber

Ich hoffe du bist wohlauf. Du bist gerade irgendwo in der Algarve in den verdienten Ferien. Der Wetterbericht aus Portugal macht  mich neidisch während wir Laub und Äste vom Sommersturm wegräumen.

Gestern erreichte die Schweizer Nati das Viertelfinal. Vermutlich hast du das auch gelesen. Heute lese ich in der NZZ, in Portugal treibe die „grassierende Delta-Variante“ die Touristen in die Flucht. Ja, und dieses Furcht einflössende Delta sei durch Fussballfans von England nach Porto exportiert worden. Ohne Fussball, so kann man folgern, könntest du deine Ferien ungetrübt geniessen. Wir sind zwar im Halbfinal aber du wirst in die Flucht geschlagen. Ich hoffe sehr, dass du jetzt nicht gleich überstürzt die Koffer packst und dieses vom RKI deklarierte „Virusvariantengebiet“ nicht gleich verlässt.

Prozentzahlen als neue Bedrohungslage
Vielleicht bist du jetzt verärgert über meine kürzlich gemachte Aussage, man brauche in diesen Tagen nichts zu befürchten:  Ich hatte dir ja erzählt, dass wir in der Infektiologie seit Jahrzehnten beobachten, dass wir in unseren Breitengraden im Sommer keine respiratorischen Virusinfektionen sehen würden. Daher meine entwarnenden Worte im Hinblick auf deine Reise in die Algarve. Und jetzt also das, man treibt die Touristen in die Flucht. Doch ich bin zuversichtlich. Denn du bist intelligent und hast kritisches Denken gelernt. Sicher ist dir aufgefallen, dass jetzt in den Medien eine ganz neue Berichterstattung herrscht. Früher zeigten sie Särge und berichteten über Mortalität, dann über Fallzahlen. Heute wird nur noch über Prozent-Zahlen gesprochen. Wie viele % der nachgewiesenen Viren tragen eine „neue Mutation“, sind also besonders „gefährliche“ Varianten, variant of concern (VOC)! So auch heute wieder in der Grafik des zitierten NZZ Beitrages:

Ja, auch die Prognose der Task-Force und von weiteren Modellrechnern mit Abertausenden von VOC-Fällen in diesem Juni ist nicht eingetroffen ist. Wir haben auch in diesem Sommer eine sehr ruhige Phase. Gerade gestern habe ich mit jemandem gesprochen, der meinte, vielleicht hätte ich schon recht gehabt, als ich letztes Jahr sagte, die Zahlen seien im Mai / Juni nicht wegen den Massnahmen, sondern wegen dem Saisoneffekt auf fast null gesunken. Und ich stehe zu meiner Aussage: Geniess die Sommerferien, solange es erlaubt ist!

Weshalb werden Mutationen häufiger?
Die Fallzahlen haben also ausgedient, die neue Hysterie gilt nun den Prozentzahlen. Neu rapportieren wir jetzt, wie viele Fälle auf Hundert eine VOC sind. In der o.g. Grafik mit der sogenannten „Delta-Variante“.

Gerne erinnere ich mich an ein Gespräch mit dir vor vielen Jahren. Wir hatten die Erkenntnisse Darwins diskutiert. Ich hatte argumentiert, dass das, was Darwin bei den Vögeln auf Galapagos beobachtet hat, auch im Reich der Viren so läuft. Du warst noch sehr klein, als ich im Sicherheitslabor HIV-Viren gezüchtet hatte. Du durftest nur durch ein Fenster reinschauen. Aber auch dort hatten wir beobachtet, dass sich Viren sehr schnell an neue Begebenheiten anpassen. Wenn wir HIV in Zellkulturen züchten, verändern sich die Viren innert weniger Tage. In der Kultur fehlt die körpereigene Immunabwehr, ein entscheidender Faktor! Der fehlende Selektionsdruck – kein Immunsystem – fördert die Wachstumsbedingungen eines Virus, welches für die Zellkultur optimiert ist. Die Biologie passt sich an. Sehr schnell, denn Viren ändern mit jedem Vermehrungsschritt, also täglich, ihr Genom.

Selektionsdruck
Viele Virusmutationen sind lausig. Nur die besten machen das Rennen und vermehren sich weiter. Das ist der Moment, wo der Selektionsdruck einsetzt. Das Immunsystem ist ein möglicher Selektionsdruck. Fehlt es, wie damals in meinen Laborkulturen, vermehren sich „lausige“ Viren, die keine speziellen Tricks gegen Immunzellen intus haben müssen. Das Gegenteil gilt aber auch: wenn plötzlich eine Immunantwort dazu kommt, dann reagieren Viren auch. Die Covid-Impfung zum Beispiel, wird Immunzellen aufbauen, welche gewisse Vermehrungsschritte des Virus hemmen. Ein neuer Selektionsdruck entsteht. Doch wer jetzt glaubt – und im Moment scheinen viele so zu denken – dass damit „game over“ sei, kennt sich einfach nicht aus mit der Biologie. Das Virus wird auf jeden Selektionsdruck reagieren. Das ist ja etwas, was mich auch in der Virologie immer wieder von neuem fasziniert hat. Viren sind durch ihre Adaptationsfähigkeit wahre Überlebenskünstler. Ich weiss, es gibt immer noch Leute die davon schreiben, dass das SARS-CoV-2 irgendeinmal weg sein wird. Aber ich weiss, dass du solchen Phantasien nicht traust. Auch du kennst dich in Biologie aus. Ich bin stolz auf dein klares, analytische Denken.

Neue Varianten besser übertragbar
Im Mai sprachen alle von „neuen Varianten“, jetzt von Delta. Die neuen Varianten wurden als neue Gefahr aufgebauscht. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie besser von Mensch zu Mensch übertragen werden. Viele Länder nahmen erneut viel Geld in die Hand und begannen, die neuen Virus-Varianten zu sequenzieren. Zuerst in England, dann auch bei uns: Fast täglich wurde der Anteil (%) der Varianten unter den nachgewiesenen Fällen berichtet. Und als die Zahlen dann überall bei praktisch 100% angekommen waren, hat man mit Testen aufgehört. Doch nach allem was wir über Darwin und Selektionsmechanismen wissen: Haben wir etwas anderes erwartet? Sicher nicht: Wenn wir die Distanz unter den Menschen vergrössern, die Chancen für einen Kontakt reduzieren, dann verändern diese Massnahmen auch den Selektionsdruck. Und was ist die Folge dieses Selektionsdruckes? Natürlich, es werden vorwiegend Viren übertragen, die den weiteren Weg von Mensch zu Mensch auch wirklich schaffen. Dass diese Viren dann in wenigen Wochen 100% der übertragenen Virenstämme ausmachen, ist abzusehen. Denn das Virus wird sich den geänderten Umweltbedingungen laufend anpassen.

Auch Delta ist keine Überraschung
Du weisst gut, dass ich ein starker Verfechter von Impfungen bin. Sonst hätte ich mich auch nicht seit Weihnachten fast pausenlos für eine gut funktionierende Impfaktion im Kanton St. Gallen eingesetzt. Doch ich weiss sehr wohl, dass der Aufbau einer Immunantwort den Selektionsdruck auf das Virus ausübt. Die einzige Chance für das Virus ist, sich so anzupassen, dass es dem Immunsystem ausweicht. Das haben wir in den frühen Jahren der HIV-Epidemie beobachtet, das wird auch bei SARS-CoV-2 nicht anders sein. Das Delta Virus ist somit ein Lehrstück für das Studium der Immunologie: Adaptation auf einen Selektionsdruck. Nichts mehr.

Was empfehle ich dir jetzt im „Virusvariantengebiet“?
Du bist ja gegen Covid-19 (und andere Erreger) vorbildlich geimpft. Die Leute diskutieren jetzt, wie gut die Impfung vor einer Infektion schützt. Als gesunder junger Mensch machst du dir keine Sorgen um deine Gesundheit wegen einem Delta-Virus, das allenfalls doch noch zu einer milden Infektion führen könnte. Ich würde jetzt aber – vielleicht etwas provokativ – einen Schritt weiter gehen: Vielleicht würde dein Immunsystem sogar bei einem Kontakt mit einem Delta-Virus noch etwas dazu lernen, mit oder ohne Symptome einer Erkrankung. Es ist durchaus denkbar, dass das Immunsystem seine Immunantwort noch etwas verbreitern wird, und du in Zukunft noch mildere Symptome zeigen wirst, wie wir das von anderen Coronaviren jedes Jahr kennen.

In diesem Sinne wünsche ich noch sehr erholsame und schöne Ferien. Geniess die Naturschönheiten der Algarve und bleib entspannt. Alles kommt gut!

Faszination Immunsystem!
Wenn du zurück bist aus den Ferien sprechen wir dann mal über das Phänomen der „trainierten Immunität“. Auch das angeborene Immunsystem, die sogenannte „natürliche Immunität“, wird durch Exposition mit Viren trainiert. Vielleicht müssen wir in Zukunft noch mehr darüber nachdenken, welche Folgen das social distancing, Masken, Home-office und alle weiteren Massnahmen auf die Entwicklung unseres Immunsystems haben. Die Wissenschaft bleibt spannend, fast so spannend wie das gestrige Achtelfinal.

Dir wünsche ich beste Erholung, bleib kritisch.

Pietro, dein Papa

Algarve by wiseguy71


Prof. em. Dr. med. Pietro Vernazza