15. Oktober 2020

COVID-19 Pandemie: der entscheidende Faktor k?

Ein kürzlich erschienener und viel beachteter Artikel im Magazin „The Atlantic“ mit dem Titel „This Overlooked Variable Is the Key to the Pandemic bringt es auf den Punkt. Obwohl schon seit Monaten bekannt, wird ein entscheidendes Charakteristikum der COVID-19 Pandemie in vielen Ländern zu wenig berücksichtigt, nämlich der sogenannte Dispersionsfaktor k. Kurz gefasst beschreibt k die Verteilung, wie gleichmässig sich das SARS-CoV-2 Virus weiterverbreitet. Ein Wert von 1 sagt, dass jeder Infizierte das Virus weitergibt (so wie z.B. das Grippevirus), ein Wert von 0.1 meint, dass wenige Leute für den Grossteil der Übertragungen verantwortlich sind. Tatsächlich liegt dieser Wert k für SARS-CoV-2 zwischen 0.1 und 0.2, also recht tief.

Was heisst das jetzt? SARS-CoV-2 wird von bis zu 70% der Infizierten NICHT weitergeben; relativ wenig Infizierte sind also für den Hauptanteil der Weiterverbreitung verantwortlich. Dieses Phänomen wurde inzwischen zur Genüge beschrieben: es sind die sogenannten Superspreader-Events (z.B. Clubs, Bars, Fitnessstudios, religiöse Zusammenkünfte oder Chorproben), welche als Treiber der Pandemie gelten. Als Beispiel sei Südkorea erwähnt, wo eine Person in einem Gottesdienst für eine solche Massenübertragung verantwortlich war, was letztlich zu über 5000 Fällen geführt hatte. Zusammengefasst geht es bei den Superspreading-Events um schlecht belüftete Innenräume, wo sich viele Menschen über längere Zeit aufhalten und wo laut geredet oder gesungen wird, oder wo Leute sich körperlich anstrengen. Wichtig scheint mir hier, dass es eine gewisse Expositionsdauer braucht, damit ein Superspreader-Event entsteht. Orte mit zwar nahen, aber kurzen Kontakten wie z.B. ein Supermarkt haben eher wenig Potenzial, zu einer Superspreader Lokalität zu werden.

Im erwähnten Artikel wird weiter beschrieben, dass viele unserer Massnahmen (z.B. generelle Maskenpflicht oder das häufige Testen) auf das Verhindern von Einzelfällen ausgerichtet sind. Dies macht für eine Erkrankung Sinn, die von vielen Infizierten weitergegeben wird (wie eben z.B. die Grippe), aber weniger für COVID-19. Zu dieser Hypothese passt die Tatsache, dass die saisonale Grippe dieses Jahr in Ländern der Südhalbkugel kaum aktiv ist, während dies für COVID-19 nicht der Fall ist. Unsere Massnahmen scheinen also besser gegen Grippe zu wirken als gegen COVID-19.

Viele asiatische Länder wie z.B. Japan haben diese Eigenart des Virus, sich hauptsächlich in Clustern auszubreiten, früh erkannt. Entsprechend haben Sie den Fokus Ihrer Massnahmen darauf gerichtet (sog. „cluster-busting strategy“). Zusammengefasst kann man sagen, dass man sich bei dieser Strategie weniger auf Einzelfälle, sondern eben auf die Cluster konzentriert. Dazu gehören:

  • Vorübergehende Schliessung von Bars, Clubs und sogar Restaurants, insbesondere wenn die Lokalitäten schlecht belüftet sind
  • Fokus auf Schutzkonzepte bei Indoor-Veranstaltungen
  • Grosszügige und schnelle Quarantäne aller Teilnehmenden einer Veranstaltung, bei der ein Superspreading vermutet wird.
  • Contact tracing nicht bei jedem einzelnen Fall, sondern nur bei Fällen, welche nachweislich jemand anderen angesteckt haben (sog. retrospektives contact tracing), dort aber rigoros. Der Hintergrund ist der, dass Leute, die bereits jemanden angesteckt haben, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch weitere Personen angesteckt haben.

Aktuell sehen wir eine starke Zunahme der COVID-19 Fälle in der Schweiz. Unsere Strategie ist immer noch das Finden jedes einzelnen Falles (sog. Containment), was jedoch aufgrund der dafür notwendigen Ressourcen auf Dauer kaum realistisch sein wird. Niemand weiss, welche Strategie aktuell die Beste ist. Ein effizienter Ansatz könnte aber sein, den tiefen k-Wert von SARS-CoV-2 stärker zu berücksichtigen und den Fokus mehr auf die Verhinderung und rasche Entdeckung von Clustern zu legen.


PD Dr. med. Philipp Kohler

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