12. April 2020

Corona: Testen, testen und kein Ende

Seit Wochen läuft eine Diskussion zur Frage der Testung. Viele glauben, dass wir Covid-19 Virus PCR-Tests machen müssen um eine gute Prävention zu machen. Die Vorstellung ist die: Wir sollen Personen mit Symptomen auf Covid-19 testen und dann diejenigen, die positiv gestestet werden nach Hause schicken und isolieren.

Wir möchten hier sehr dezidiert festhalten, dass wir diese recht aggressive Testhaltung nicht nur aus Ressourcenfragen fragwürdig halten. Wir stellen hier nur kurz die Argumente stichwortartig zusammen. Bei Gelegenheit werden wir die Argumente noch etwas ausführlicher diskutieren:

  • Jeder will einen Test: Sehr viele möchten in guter Absicht einen Test machen lassen. Die meisten, die einen Test durchführen lassen, haben keine wirklichen Krankheitszeichen einer Covid-19 Erkrankung.
  • Oft wird sogar ein Test ohne Symptome durchgeführt: So auch bei BR Berset (Blick 11.4.20). Nur weil jemand in seinem Umfeld positiv getestet wurde, ist das doch kein Grund für einen Test. Heute sind so viele Personen mit dem Virus infiziert. Wollten wir jede Kontaktperson testen, müssten wird täglich tausende Personen testen.
  • Ressourcen: Was die wenigsten wissen: Ein PCR-Test (Virusnachweis) kostet ca. 200.- CHF. Alleine in  St. Gallen geben wir pro Monat schon mehr als eine Million CHF aus für einen fragwürdigen Nutzen. Wollen wir das weiterhin mit unseren Krankenkassenprämien bezahlen?
  • Kann man das Resultat nicht fast voraussagen? Wenn heute jemand wirkliche Atemwegssymptome aufweist (das sind auch die besonders ansteckenden Personen), dann ist die sog. a-priori Wahrscheinlichkeit, dass sie an Covid-19 erkrankt ist, relativ hoch. Man könnte sich die teure Untersuchung auch sparen. Bei Grippe zum Beispiel machen wir das auch nie.
  • Epidemioloigische Überwachung:  Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass wir jede Diagnose mit einem Test sicherstellen sollten, damit wir die Epidemiologie besser erfassen können. Doch die Dunkelziffer bei den milden Krankheiten ist ohnehin riesig. Viel zuverlässiger ist die Erfassung der Personen, welche hospitalisiert werden. Bei diesen machen wir auch den Test gemäss der BAG-Empfehlung.
  • Verändert der Test das Verhalten? Heute gilt: Wer Zeichen einer Infektion der Atemwege hat, soll zu Hause bleiben, bis er oder sie sich wieder gesund fühlt. Das ist vernünftig. Gilt auch für Grippe. Wenn wir nun bei den gleichen Personen – also Personen mit Atemwegserkrankungen – einen Test machen, dann würde der Test nicht zu mehr Isolationen führen, im Gegenteil. Es würden auch diejenigen mit falsch negativem Resultat (keine Rarität!) und Personen mit anderen respiratorischen Krankheiten, die wir isolieren sollten, korrekt isoliert. Kein Fehler. Das einzige was anders würde: Wir würden die Personen, nach der Genesung auch gleich wieder an die Arbeit schicken, selbst wenn sie Covid-19 infiziert sind. Doch auch hier müssen wir sagen: Vermutlich wäre das auch vernünftig. Denn die Erholung nach einer Virusinfektion ist das beste und untrüglichste Zeichen, dass das Immunsystem das Virus abgewehrt hat. Die Erbsubstanz des Virus lässt sich zwar gelegentlich noch nachweisen, doch die Viruspartikel sind jetzt nicht mehr in infektiöser Form vorhanden. Für die heute immer noch geforderten langen Isolationszeiten nach Abklingen der Symptome fehlt jegliche Evidenz.

Zusammengefasst: Wer Symptome einer Atemwegserkrankung hat, bleibt zu Hause. Das gilt genauso bei Grippe. Eine Testung bringt keinen zusätzlichen Nutzen.

Foto von MadLabUK


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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