Die verschwiegene Krankheit –

Herpes genitalis und andere ulceröse STD"s

Referat von PD Dr. S. Lautenschlager, Stadtspital Triemli

Kommentar aus der Praxis von Dr. R. Ingold, Altstätten

Herpes genitalis ist auch in der Schweiz häufig. Neben asymptomatischen Verläufen ist die häufigste Manifestation einer Herpesprimärinfektion eine Gingivostomatitis herpetica bei HSV Typ 1 bzw. eine Vulvovaginitis hepetica bei HSV Typ 2. In 95% der Fälle tritt die Primärinfektion innerhalb von 2 Wochen nach Kontakt mit dem infizierten Sexualpartner auf, wobei letzterer häufig keine Symptome hat (viral shedding). Häufiger als bisher angenommen verursacht Herpes simplex wahrscheinlich auch seröse Urethritiden, weshalb es Sinn macht, Herpesviren bei sogenannten unspezifischen Urethritiden zu suchen.

 

Beim Herpesrezidiv bestehen häufig lokale Prodromi. Der Verlauf ist kürzer und milder als bei der Primärinfektion. Herpes genitalis ist nicht immer durch HSV Typ 2 verursacht, sondern zunehmend auch durch HSV Typ 1(Gründe für die Zunahme: vermehrt orogenitale Kontakte, verminderte Seroprävalenz von HSV Typ 1 bei Kindern). Die beiden Erreger unterscheiden sich durch die Rezidivhäufigkeit (bei HSV 2 ist mit ca. 5 Episoden/J zu rechnen, bei HSV 1 nur mit 1/J). Deshalb macht eine genaue Erregertypermittlung bei Herpes genitalis Sinn.

 

In Europa liegt die Seroprävalenz für HSV Typ 2 bei 4-20%. Es besteht eine höhere Seroprävalenz im Norden (das umgekehrte gilt für HSV Typ 1). Ein Zustand nach einer sexuell übertragbaren Krankheit, v.a. St.n. Lues, verdoppelt das Risiko für einen Herpes genitalis. Auch rezidivierende unklare Unterbauchschmerzen prädestinieren für einen Herpes genitalis.

 

Wichtig ist auch, dass sich nur eine Minderheit der Patienten Herpes genitalis – Episoden bewusst ist. Die meisten sind asymptomatische Virusausscheider, die das Herpesvirus während etwa einem Fünftel der Tage ausscheiden. Das asymptomatische viral shedding ist in etwa 69% der Fälle ursächlich für die Virusuebertragung.

 

Gemäss einer Studie von Benedetti von 1994 haben nur 20% der Patienten eine typische Symptomatik bei Herpes genitalis, 20% haben keine Symptome und 60% einen unbemerkt symptomatischen Verlauf. Es ist also wichtig, auch bei atypischer Klinik an einen Herpes genitalis zu denken. Atypisch können neben der Lokalisation (z.B. gluteal, anal, Oberschenkel, Finger, suprapubisch) auch die Hautveränderungen (statt der typischen gruppierten Bläschen auf erythematösem Grund Ulcera, Erosionen, Kruste, Fissuren, Erysipel-ähnliche oder ödematöse Formen) sein.

 

Die Differentialdiagnose eines Herpes genitalis ist breit und umfasst

  • infektiöse Krankheiten: hier v.a. andere STD"s (Lues, Ulcus molle, selten Lymphogranuloma venerum), aber auch HIV
  • entzündlich bedingte Veränderungen
  • mechanisch bedingte Ulcera

 

Bei Vorliegen eines genitalen Ulcus hat die Klinik nur bei einem klassischen Befund eine hohe Spezifizität. Dies ist aber nur bei einem Drittel der Fälle so. Deshalb muss das Ulcus meist weiter abgeklärt werden (Dunkelfeld / Serologie für Lues, Kultur / Ag-Nachweis für HSV, Kultur für Ulcus molle).

 

 

Die vollständige Präsentation des Vortrags von PD Dr. Stephan Lautenschlager (pdf-file) finden Sie hier



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