Schon wieder: Primäre HIV-Infektion wird zu häufig verpasst

Auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen: Die akute HIV-Infektion ist epidemiologisch mit Abstand das grösste Problem bei der Ausbreitung von HIV. Eine neue Studie aus Quebec bestätigt alte Schweizer Daten. 

Es gibt wohl keinen Bereich auf dem Gebiete der HIV-Infektion, bei welchem die Praxis unserem Wissen so weit hinterherhinkt. Seit über 10 Jahren wissen wir, dass die Phase der HIV-Primoinfektion sehr kontagiös ist. Vor 5 Jahren hat Sabine Yerly aus Genf nachgewiesen, dass mindestens 30%, eher 40% aller frischen Infektionen in der Schweiz auf eine Quelle zurückzuführen ist, die auch gerade an einer firschen HIV-Infektion erkrankt ist (Yerly, AIDS 2001).

Nun haben es uns die Kanadier in Quebec nachgemacht. Auch Sie haben Patienten mit frischer HIV-Infektion zwischen 1998 und 2005 gesammelt (< 6 Monate nach Serokonversion) und von all den Viren eine Sequenzanalyse gemacht. Damit kann man regelrechte Stammbäume entwickeln. Je grösser der Unterschied zwischen zwei Virussequenzen (von zwei Patienten) desto geringer der Verwandschaftsgrad der beiden Viren. Doch wenn man bei mehreren Personen Viren findet, welche praktisch identisch sind, so spricht man von sog. Clustern.

In der Quebec Primoinfektions-Kohorte, waren 50% aller frischen Infektionen einem Cluster zuzuordnen. Dies bedeutet, dass diese mit grosser Wahrscheinlichkeit von einer anderen Person in diesem "Cluster" infiziert wurden. Insgesamt waren die Virusstämme von 293 Patienten alle mit einem von 75 Übertragungsketten von je 2-17 Personen verwandt. Nur 6% aller untersuchten Patienten mit chronischer HIV-Infektion in derselben Gegend hatten ein Virus, welches mit einem Cluster verwandt waren. Es ist möglich, dass diese Personen auch im Entferntesten mit den Clustern zu tun haben. Möglich auch, dass diese die Ursache der einzelnen Cluster waren.

Einmal mehr bestätigen diese Untersuchungen, dass eine chronische HIV-Infektion recht selten zu einer HIV-Transmission führt. Es ist möglich, dass einzelne Infektionen ausgehend von chronisch infizierten Personen durch die Anwesenheit einer Geschlechtskrankheit begünstigt wurden. Insgesamt bestätigen die Beobachtungen die alten Vermutungen: Die Übertragung einer HIV-Infektion wird vorwiegend durch zwei Faktoren begünstigt:

  1. akute HIV Infektion
  2. Geschlechtskrankheiten

Offenbar macht die akute HIV-Infektion in gewissen Situationen mehr als die Hälfte aus (mindestens 30% der Primoinfektionen werden gar nie als solche erfasst). Das Vorliegen von Geschlechtskrankheiten erhöht ebenfalls die lokale Ausscheidung von HIV in Genitalsekreten und auch die Empfindlichkeit für HIV beim nicht infizierten Partner.

Quelle: Brenner et al, JID, 2007;195:951-9

beachte auch das Editorial von D. Pillay und M. Fisher


Prof. Dr. Pietro Vernazza

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