Tamiflu: Vom Pandemie-Wundermittel zum teuren Pflichtlager?
Der Bund hat kürzlich mitgeteilt, dass grosse Mengen Oseltamivir (Tamiflu®) aus den Schweizer Pflichtlagern verfallen sind und nun vernichtet werden müssen. SRF berichtete, die Schweiz habe vor über zehn Jahren grosse Lager des antiviralen Mittels Oseltamivir — besser bekannt als Tamiflu — aufgebaut. Gesetzlich vorgeschrieben waren rund 200 Paletten, etwa 3900 Versandkartons. Bei normalem Verbrauch hätte dies für rund hundert Jahre gereicht.
Pflichtlager verkleinern
Nun laufen die Chargen ab. Das Lager soll verkleinert werden. Laut SRF will das Bundesamt für Gesundheit die Pflichtlagermenge auf etwa einen Viertel reduzieren. Künftig soll Tamiflu vor allem noch hospitalisierten Patientinnen und Patienten oder Personen mit erhöhtem Risiko für Komplikationen zugutekommen.
Das tönt zunächst vernünftig: Weniger Verschwendung, gezielter Einsatz. Doch dürfen wir die Frage auch stellen, ob Tamiflu überhaupt eine Wirkung zeigt?
Kliniker meist skeptisch
Für viele Klinikerinnen und Kliniker war Tamiflu immer ein Medikament, dem man nicht ganz traute. Nicht weil der Wirkmechanismus unplausibel gewesen wäre. Oseltamivir hemmt die Neuraminidase, ein Enzym, das Influenzaviren hilft, sich aus infizierten Zellen zu lösen und weiter auszubreiten. Das klingt biologisch überzeugend. Aber am Krankenbett war der Effekt schwer fassbar. Wir hatten nie das Gefühl, dass dieses Medikament den Verlauf einer etablierten Influenza wirklich entscheidend verändert. Man gab es, weil es empfohlen war. Aber man “spürte” es klinisch kaum. Und der „Beobachter“ beschrieb das bereits 2009, zu Beginn der Schweinegrippe. Diese Skepsis bekommt nun neue Nahrung.
Die Studie, die viel früher hätte kommen müssen
Ende Juli 2026 erschien eine Preprint einer Publikation der REMAP-CAP-Gruppe: “Oseltamivir for Critically Ill Patients with Influenza: A Randomised Trial”. Es handelt sich um eine randomisierte Studie bei kritisch kranken Patientinnen und Patienten mit laborbestätigter Influenza. Genau diese Studie hätte man eigentlich schon vor vielen Jahren gebraucht — bevor Tamiflu weltweit in Pandemiepläne, Pflichtlager und klinische Routinen eingebaut wurde. Die Arbeit ist noch nicht durch externe Experten geprüft worden.
Die Studie schloss 442 kritisch kranke Patientinnen und Patienten ein. Sie wurden randomisiert zu Oseltamivir für fünf Tage, Oseltamivir für zehn Tage oder zu keiner antiviralen Behandlung. Das Resultat war ernüchternd: Es fand sich kein Nutzen von Oseltamivir. Noch beunruhigender: Die 90-Tage-Mortalität war in den Oseltamivir-Gruppen höher als in der Gruppe ohne antivirale Therapie. Rund 20 Prozent der mit Oseltamivir behandelten Patientinnen und Patienten starben bis Tag 90, gegenüber rund 14 Prozent in der Gruppe ohne antivirale Behandlung.
Die Autoren formulieren ihre Schlussfolgerung entsprechend deutlich: Oseltamivir sei bei kritisch kranken Patientinnen und Patienten mit saisonaler Influenza ineffektiv und erhöhe möglicherweise sogar die Sterberate in den 3 Monaten nach der Influenza. Eine routinemässige Gabe bei solchen Patientinnen und Patienten sei nicht mehr gerechtfertigt. Wie in untenstehender Abbildung aus dem Preprint gezeigt, fand sich auch in keiner der untersuchten Untergruppen ein Vorteil für Oseltamivir.
Man muss bei einem Preprint vorsichtig bleiben. Die Details der Analyse, die Subgruppen, die Power der Studie und die genaue statistische Modellierung müssen sorgfältig gelesen und extern validiert werden. Aber die Richtung des Befundes ist wichtig: Ausgerechnet in jener Patientengruppe, für die Tamiflu heute noch am ehesten empfohlen wird — schwere, hospitalisierte Influenza — sehen wir keinen Nutzen. Und das in einer Studie, bei denen die Behandlungsgruppen gut vergleichbar sind, da randomisiert.
Das ist nicht einfach ein weiterer kleiner Baustein in einer langen Debatte. Es ist die Studie, die wir uns immer gewünscht hätten.
Plausible Biologie — schwache klinischer Evidenz
Die Geschichte von Tamiflu ist auch eine Geschichte darüber, wie medizinische Evidenz entsteht — oder manchmal geformt wird, lange bevor unabhängige Wissenschaftler sie vollständig prüfen können.
Als Tamiflu Ende der 1990er-Jahre auf den Markt kam, passte alles zusammen. Influenza ist eine ernsthafte Erkrankung. Pandemien können verheerend sein. Impfstoffe brauchen Zeit. Ein antivirales Medikament, das die Virusausbreitung im Körper hemmt, schien eine ideale Brücke: etwas, das man im Ernstfall sofort einsetzen könnte.
Während der Schweinegrippe-Pandemie 2009 wurde Tamiflu zum Symbol staatlicher Vorbereitung. Regierungen kauften grosse Mengen. Das Medikament wurde in Pandemiepläne aufgenommen. Und nie mehr gebraucht. Und mit der Zeit kamen Zweifel.
Die frühe positive Einschätzung beruhte wesentlich auf publizierten Studien und auf zusammenfassenden Analysen, fast ausschliesslich Hersteller-finanzierte Arbeiten. Die Eine Metaanalyse kam 2006 eher zurückhaltend zum Schluss, Tamiflu verkürze Symptome und könne Komplikationen reduzieren. Doch dann stellte sich heraus, dass wichtige Studien nicht publiziert waren und dass die publizierte Literatur nur einen Ausschnitt des gesamten Studienprogramms des Herstellers Roche zeigte.
Das ist ein zentrales Problem der modernen Arzneimittelbewertung: Nicht nur das Resultat einer Studie zählt, sondern auch, welche Studien überhaupt sichtbar werden, wie Endpunkte definiert werden, wie Nebenwirkungen erfasst werden und wer Zugang zu den Rohdaten hat. Wenn der Hersteller die Daten besitzt, die Publikation kontrolliert und nur ein Teil des Materials in Fachzeitschriften erscheint, entsteht schnell ein verzerrtes Bild — ganz ohne plumpe Fälschung. Wir sprechen dann von publication bias.
Der Kampf von Cochrane und BMJ gegen Roche
Die Tamiflu-Kontroverse wurde deshalb zu einem Meilenstein der Open-Data-Bewegung in der Medizin. Die Cochrane-Forscher um Tom Jefferson und Peter Doshi wollten die ursprünglichen Studienberichte sehen: nicht nur die publizierten Kurzfassungen, sondern die vollständigen klinischen Studienberichte, die sogenannten Clinical Study Reports. Diese Dokumente enthalten Protokolle, Änderungen am Studienplan, detaillierte Methoden, Resultate, Nebenwirkungen, Fallberichte und regulatorische Kommentare. Es sind oft hunderte oder tausende Seiten pro Studie — genau jene Informationen, die man braucht, um ein Medikament wirklich unabhängig zu beurteilen.
Roche gab diese Daten nicht frei. Es folgte ein jahrelanger öffentlicher Druck. Das BMJ machte daraus eine offene Kampagne. Fiona Godlee, damals Chefredaktorin des BMJ, bezeichnete Tamiflu als exemplarischen Fall: Regierungen hätten Milliarden ausgegeben, Millionen Menschen hätten das Medikament erhalten, aber die Datenbasis bleibe weitgehend unter der Kontrolle des Herstellers.
Vor einem britischen Parlamentsausschuss sagte Godlee sinngemäss, man sehe hier die Absurdität des Systems: Es gebe nicht nur eine Handvoll Tamiflu-Studien, sondern ein grosses Studienprogramm, mehrheitlich von Roche finanziert und kontrolliert. Wenn aber nur selektive Teile davon publiziert würden, entstehe ein partielles, unvollständiges und potenziell irreführendes Bild.
Roche knickt ein
Nach jahrelangem Druck erhielten die Cochrane-Forscher schliesslich Zugriff auf umfangreiche Studienberichte — über 100 Clinical Study Reports, zusammen mehr als 150’000 Seiten. Die Neubewertung erschien 2014 in Cochrane und im BMJ.
Das Resultat war wesentlich nüchterner als die frühe Hoffnung: Oseltamivir verkürzte die Dauer der Symptome bei Erwachsenen im Mittel um etwa 17 Stunden. Also weniger als einen Tag. Ein überzeugender Effekt auf Hospitalisationen fand sich nicht. Die Evidenz für die Verhinderung von Pneumonien und anderen Komplikationen war unzuverlässig, unter anderem weil Komplikationen schlecht definiert oder nicht objektiv bestätigt waren. Gleichzeitig erhöhte Oseltamivir das Risiko für Übelkeit und Erbrechen; in Prophylaxe-Studien wurden auch neuropsychiatrische und renale Ereignisse diskutiert.
Cochrane formulierte die Konsequenz vorsichtig, aber klar: Der Nutzen sei klein, klinisch bedeutsame Effekte auf Komplikationen und Transmission seien nicht belegt, und die Balance zwischen Nutzen und Schaden müsse bei Behandlung, Prophylaxe und Lagerhaltung berücksichtigt werden. Doch die Pflichtlager waren eingekauft.
Wie Evidenz “gemacht” wird
Die Tamiflu-Geschichte ist deshalb mehr als eine Geschichte über ein einzelnes Medikament. Sie zeigt, wie Arzneimittel-Evidenz durch mehrere Mechanismen verzerrt werden kann.
- Erstens durch selektive Publikation. Wenn positive oder günstige Analysen eher veröffentlicht werden als neutrale oder ungünstige, sieht ein Medikament besser aus, als es ist.
- Zweitens durch Kontrolle der Rohdaten. Fachartikel sind oft stark verdichtete Darstellungen. Was nicht im Artikel steht, bleibt unsichtbar — es sei denn, unabhängige Forscher erhalten Zugang zu den Studienberichten.
- Drittens durch weiche Endpunkte. “Pneumonie” klingt nach einem harten klinischen Ereignis. Wenn aber keine klare radiologische oder mikrobiologische Bestätigung verlangt wird, kann ein solcher Endpunkt erstaunlich elastisch werden.
- Viertens durch „ethische“ Blockierung weiterer Studien. Sobald ein Medikament zum Standard erklärt ist, wird es schwierig, dieses noch randomisiert gegen Placebo zu testen. Es sei unethisch, Patienten das Medikament vorzuenthalten. Faktisch heisst das: Erkenntniszuwachs wird erschwert.
Genau das ist bei Tamiflu geschehen. Einige Zentren taten sich offenbar auch in der REMAP-CAP-Studie schwer damit, kritisch kranke Influenza-Patienten einer Gruppe ohne antivirale Therapie zuzuweisen. Doch es hat sich gelohnt: Am wenigsten Todesfälle in der Gruppe, die kein Medikament erhielt. Chapeau, für die Zentren, die bei REMAP-CAP mitgemacht haben.
Was bedeutet das für das Schweizer Pflichtlager?
Der Bund will das Tamiflu-Lager drastisch reduzieren, aber nicht ganz aufgeben. Begründet wird dies damit, dass Tamiflu weiterhin für hospitalisierte Patientinnen und Patienten oder Personen mit erhöhtem Komplikationsrisiko verfügbar sein soll. Diese Strategie klingt moderat. Ist sie sinnvoll?
Als Tamiflu eingeführt wurde, hat man Patienten nur ganz früh im Verlauf behandelt. Wenn jemand hospitalisiert ist, ist es zu spät. Ein Pflichtlager für hospitalisierte schwere Fälle ist daher kaum nachvollziehbar. Sollte die neue Studie bestätigt werden, wäre von einer Behanldung hospitalisierter Personen abzuraten.
Wozu dann das Pandemielager? Natürlich ist Pandemieplanung nie einfach. Ein antivirales Medikament kann theoretisch Zeit gewinnen, insbesondere bevor Impfstoffe verfügbar sind. Aber Pflichtlager sind nicht gratis. Sie binden Geld, Logistik, Aufmerksamkeit und Vertrauen. Wenn Millionen Kapseln nach Jahren ungebraucht vernichtet werden müssen, ist das nicht nur ein buchhalterisches Problem. Es ist ein Hinweis darauf, dass der erwartete Nutzen des Lagers möglicherweise nie sauber belegt war.
Wenn der Bund Tamiflu weiter lagern will, muss er diesen Entscheid mit sauberen Daten erheben. Und der Entscheid müsste, basierend auf den Daten nachvollziehbar sein.
Nach den bisherigen Cochrane-Daten und den neuen REMAP-CAP-Resultaten ist eine Pflichtlagerhaltung mit dem Ziel, schwere Influenza-Verläufe im Spital relevant zu verbessern, kaum überzeugend. Wenn überhaupt, müsste Tamiflu als eng begrenztes Instrument verstanden werden: möglicherweise nützlich in sehr früher Krankheitsphase oder in ausgewählten Einzelfällen, aber nicht als robuste Versicherung gegen schwere Pandemie-Mortalität.
Die eigentliche Lehre
Tamiflu zeigt, wie gefährlich es ist, wenn Plausibilität, Dringlichkeit und Herstellerdaten zusammen eine medizinische Gewissheit erzeugen, bevor die entscheidenden Fragen beantwortet sind.
Die entscheidende Frage war nie, ob Oseltamivir im Labor ein Influenzavirus hemmt. Das tut es. Die Frage war: Verhindert es bei Menschen schwere Verläufe, Hospitalisationen und Todesfälle? Genau für diese Fragen war die Evidenz über Jahre schwach, unvollständig oder indirekt. Trotzdem wurde das Medikament zu einem zentralen Baustein staatlicher Pandemieplanung. Auch basiernd auf einer unvollständigen Datenlage – da gezielt Daten nicht publiziert wurden.
Das sollte uns vorsichtig machen — nicht nur bei Tamiflu, sondern bei jedem neuen “Gamechanger”, der in einer Krise mit plausibler Biologie, selektiven Daten und politischem Druck auf den Markt kommt.
Post-scriptum: Warum ich Tamiflu trotzdem nicht ganz abschreiben würde
Nun werde ich wohl einige Leserinnen und Leser vielleicht überraschen: Trotz allem bin ich persönlich nicht überzeugt, dass Tamiflu eine unwirksame Substanz ist. Meine Erfahrung als virologisch geschulter Infektiologe sagt mir eher: Wir haben das Medikament vermutlich einfach falsch eingesetzt.
Während der Schweinegrippe-Pandemie hatten wir Beobachtungen dokumentiert, die mich bis heute beschäftigen. Personen, die Tamiflu wirklich sehr früh einnahmen — innerhalb der ersten sechs Stunden nach Auftreten der Prodromalzeichen, also Fiebergefühl, Muskelschmerzen, Mattigkeit, dieses typische “jetzt kommt die Grippe”-Gefühl — waren am nächsten Tag häufig bereits wieder fieberfrei.
Das ist keine randomisierte Studie und kein Beweis. Aber es passt biologisch gut zum Wirkmechanismus. Ein Neuraminidasehemmer kann die Ausbreitung des Virus nur dann relevant bremsen, wenn die Virusreplikation noch am Anfang steht. Wenn die Infektion etabliert ist, der Patient schon deutlich krank ist, kommt die Substanz zu spät. Dann behandeln wir nicht mehr die frühe Virusausbreitung, sondern die Folgen der bereits ausgelösten Erkrankung.
Doch genau dieses Szenario ist in der Praxis nicht umsetzbar. Man müsste Influenza sehr früh erkennen, das Medikament sofort verfügbar haben und gleich einwerfen. So würde es möglicherweise helfen.
Zu diesem Beitrag wurde ich durch einen Artikel von Maryanne Demasi inspiriert, die die neue REMAP-CAP-Studie und die lange Tamiflu-Kontroverse kürzlich ausführlich aufgearbeitet hat.
Diskussion erwünscht
Kommentare sind während 30 Tagen nach Veröffentlichung möglich. Bitte sachlich und themenbezogen kommentieren. Kommentare werden moderiert.

Dr. Ute Karasch- Stingl
Vielen Dank für diese aufschlussreiche Arbeit. Ich bin keine Medizinerin habe aber eine naturwissenschaftliche Ausbildung und habe in der Forschung gearbeitet. Diesen Artikel muss ich erst einmal verarbeiten. Entscheidungen und Schlussfolgerungen zu treffen ohne die Datenlage und die Versuchsanordnungen einsehen und prüfen zu können ist für mich nicht möglich und auch unverständlich.
Das Wort evidenzbasierte Forschung sollte auf sauberen Versuchsanstellungen und einsehbaren Daten gegründet sein und auch mathematisch, statistisch transparent und sauber durchgeführt werden.
P. Hutter
Vielen Dank Ihnen für diese wie immer sorgfältige, seriöse und gut verständliche Darstellung!
Mir drängen sich drei Fragen auf:
Oft ist dieses „jetzt kommt die Grippe“-Gefühl nicht auf eine Influenza, sondern auf eine Erkältung zurückzuführen. Welchen Effekt hätte es, wenn dann Tamiflu verabreicht würde?
Bei welchen Personengruppen wäre die Verabreichung von Tamiflu bei den Erstbeschwerden einer Influenza überhaupt angezeigt: grundsätzlich bei allen, oder nur bei gesundheitlich angeschlagenen oder älteren Menschen?
Ist es – bei Personen mit gesunder Konstitution – wirklich nötig, eine Grippe mit einem Medikament zu bekämpfen? Oder wäre es für das Immunsystem besser, diese Erkrankung mit Ruhe, Wärme und viel Schlaf auszukurieren?
Herzliche Grüsse aus der Ostschweiz
Prof. em. Dr. med. Pietro Vernazza Autor
Besten Dank, Frau Hutter. Gute Fragen.
1) Ist es Grippe oder nicht: Ja, ein „Grippegefühl“ könnte auch eine andere Ursache haben. Daher habe ich gesagt: Während der Grippe-Epidemie. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Influenza ist, deutlich höher. Dann könnte sich die Frühbehandlung lohnen. Sonst bleibt es ohne Wirkung und man könnte es am Folgetag wieder absetzen.
2) Bei wem angezeigt: Eine Grippe ist auch für jüngere Menschen sehr unangenehm. Wenn man die Symptome vermeiden könnte, mit einer einfachen Behandlung, würde ich das einer längeren Infektionsdauer vorziehen.
3) Influenza zur Schulung des Immunsystems: Ich denke, viele Menschen vermuten das. Aber ich kenne keine Evidenz, die das nahelegt. Natürlich wissen wir, dass das Immunsystem „Training“ braucht. Aber wir haben dazu im Alltag genügend Gelegenheit. Ob da auch noch eine schwere Grippe einen zusätzlichen Nutzen hat, mag ich bezweifeln.
Und wichtig: Ob die Früh-Behandlung wirklich sinnvoll wäre, müsste man in einer Studie mit einem Kontrollarm prüfen. Man müsste den Studienteilnehmern VOR der Grippesaison eine Therapiepackung (Oseltamivir oder Placebo) abgeben. Dann kann jeder, sobald er Beschwerden hat, die Behandlung machen. Ich würde als Ladedosis 2 Tabletten nehmen und dann nach 12 und 24 Stunden je 1 Tablette. Dann Schluss! (so hatten wir das während der Schweinegrippe beobachtet). Idealerweise würde man noch einen Rachenabstrich machen um im Nachhinein zu sehen, ob es Influenza war. Spätestens seit Covid wissen wir, dass das die leute selbst machen können.
Alex Arter
Dem wertvollen Beitrag entnehme ich, dass ein wirksamer Wirkstoff seine Wirkung nicht entfalten kann, wenn er nicht richtig eingesetzt wird. Das ist eine lapidare Erkenntnis aber vielleicht auch eine Einladung darauf hinzuweisen unter welchen Bedingungen ein Medikament nichts bringt.
Oliver Nolte
Ich hatte es immer so verstanden, dass Tamiflu sehr früh im Krankheitsverlauf, möglichst vor den ersten Symptomen, gegeben werden muss – seine Wirksamkeit also am ehesten in der Postexpositionsprophylaxe zeigt. Das würde ja auch zum Wirkmechanismus passen. Praktisch allerdings schwer umsetzbar. Herzliche Grüsse und Danke für den Beitrag, Oliver
Herr Stefan Keller
Lieber Professor Vernazza, gut ist, dass dieser O-Skandal nach mehr als zehn Jahren ans Licht kommt, mit der Publikation im The Lancet von Srinivas Murthy et al. (immerhin ein hoher impact!), aber leider sind wir heute bereits einen Schritt weiter, und der ist noch letaler, nämlich die m-rna-Spritz-Technologie! Der grösste Hacken ist die WHO/Gesundheitsvorschriften, die die Schweiz telquel 2005 übernommen hat, ohne das Volk zu fragen. Wir müssen da raus, sic! Zur ihrem gut recherchierten Blogartikel möchte ich folgendes ergänzen, dass in Japan zwölf Kinder schwer an neuropsychiatrischen Symptomen erkrankten, wie einer Encephalitis (Delirium, Konvulsionen) (Quellen; ProMedmail, CIDRAP 18.11.2005, John P. Straumanis et al., The Peditaric Infectious Dis Journal Feb 2002, 21,2: 173.175). Roche® und die FDA warnten am 14.11.2006 von den neuropsychiatrischen NW ua sprang ein 14jäh Bub von einem Balkon. Zwischen 2001 und 2005 wurden in Japan 24.5 Millionen mal Tamiflu® verschrieben in den USA 6.5 Millionen. Am 4. April 2007 im Pediatrics Volume 119, Number 4, Oseltamvir ist ZNS toxisch bei infant-Ratten (BPCA ex summery, September 2006).
Ein weiteres Problem sind die Resistenzen ua in Südafrika, Saison 08/09 gegen das Isolat A/Brisbane/59/2007 gar 100% (Promedmail 25.10.2008). Schuld ist die Mutation H274Y (Y Y. Kawaoko, Japan, Uni Tokio) aber die Pathogenität nahm ab. Am 19.11.2009 in Eurosurveillance, B C Ciancio et al., von 2992 untersuchten Proben sind 727 resistent auf O, in Italien 1% in Norwegen 67%.
Lertzlich ist es in der Praxis fast unmöglich die Diagnose Flu zu stellen! und daraus folgt
„the onus is therfore on physicans to ascertain correct dignosis before describing the drug“.
Deborah Cohen schreibt am 17.1.2012 im BMJ, die Gründe der Einlagerung der Staaten für 100te Millionen erfolgten in der Annahme, die Flu-Komplikationen zu verringern und die Ausbreitung zu verhidnern, was gar nicht untersucht wurde. Wi kenen diese Melodie von SarsCov2.
P. Doshi und T.Jefferson prallten auch ab bei Pfizer und Moderna, sie forderten bereits 21.10.2020 im BMJ die Rohdaten-Offenlegung, was nicht geschah!
Im Gesundheitswesen (BAG) der Schweiz ächzt es in allen Balken, das ist traurig.
Mit dankbaren Grüssen Stefan Keller, Vogelsang 8374 im Thurgau
Prof. em. Dr. med. Pietro Vernazza Autor
Vielen Dank für diesen Kommentar. Sie zitieren konkrete Arbeiten, was ich sehr schätze. Ihre Ergänzung zur Toxizität von Oseltamivir ist wichtig. Wenn ich die Substanz therapeutisch untersuchen würde, dann würde ich ohnehin nur 3 oder 4 Tabletten einsetzen, siehe meine antwort auf den Kommentar von Frau Hutter. Und Kinder würde ich ohnehin kaum in einer solchen Anwendung einschliessen.
Ich habe den von Ihnen zitierten Artikel von Straumanis nachgelesen. Das war ein Kind mit schwerer Hirnentzündung bei Influenza (Encephalitis) und Tamiflu wurde dort therapeutisch eingesetzt. Ob es gewirkt hat, kann man schwer abschätzen, das Kind hat sich vollständig erholt. Aber so wie ich den Artikel verstehe, war die Encephalitis nicht die Folge der Therapie, sondern Oseltamivir wurde bei diesem Kind eingesetzt, wegen der schweren Encephalitis. Die Referez Promedmail 25.10.2008 konnte ich nicht finden. Aber es ist sicher so, dass jeder Einsatz eines antiviralen Mittels auch wieder die Resistenzen fördert.
Stefan Keller
Mit ist klar, das FDA sieht es anders, auch damals, ich habe damals zig Ordner gefüllt mit Studien
Japan zog das O damals zurück für Kinder. Ich werde Ihnen die Quellen zu schicken.
Liebe Grüsse Stefan Keller, TG