Spike in der Plazenta – was bedeutet die neue Studie aus Wiesbaden?
Seit Beginn der Covid-Pandemie gehört die Schwangerschaft zu den sensibelsten Themen der Impfdebatte. Einerseits galt die Schwangerschaft lange als möglicher Risikofaktor für schwere Krankheitsverläufe. Andererseits waren Schwangere aus den ursprünglichen Zulassungsstudien der mRNA-Impfstoffe ausgeschlossen. Viele Empfehlungen mussten deshalb auf indirekter Evidenz beruhen. Eine kürzlich publizierte Studie einer Arbeitsgruppe aus Wiesbaden (Bartmann 2026) bringt nun neue Daten in diese Diskussion. Die Autoren untersuchten Plazenten von Frauen, die während der Schwangerschaft entweder gegen Covid-19 geimpft oder mit SARS-CoV-2 infiziert waren. Das Resultat sorgt verständlicherweise für Aufmerksamkeit.
Die Studie im Überblick
In der Untersuchung wurden 106 Plazenten nach termingerechten Geburten analysiert. Die Forschenden verwendeten immunhistochemische Methoden, um Spike-Protein im Plazentagewebe nachzuweisen. Zusätzlich wurde in ausgewählten Proben mit einer sehr empfindlichen Methode (RNAscope) nach viraler oder impfstoffspezifischer RNA gesucht.
Die wichtigsten Ergebnisse:
- In 31 von 106 Plazenten fanden sich Spike-Signale (immunhistochemischer Nachweis von Spike-Proteinen) in verschiedenen Zelltypen.
- Diese Signale wurden auch in Strukturen auf der fetalen Seite der Plazenta beobachtet, etwa in Hofbauer-Zellen oder im Endothel villöser Gefässe.
- In 2 von 9 zusätzlich untersuchten Proben fanden sich Fragmente von impfstoffspezifischer RNA.
Ein weiterer bemerkenswerter Punkt: Die Signale waren teilweise noch mehrere Wochen nach der Impfung nachweisbar.
Was diese Befunde bedeuten – und was nicht
Solche Resultate werfen zwangsläufig Fragen auf. Gleichzeitig ist es wichtig, sie korrekt einzuordnen. Die Studie zeigt keinen Nachweis von Impfstoff oder Spike-Protein im fetalen Blutkreislauf. Untersucht wurde ausschliesslich Plazentagewebe nach der Geburt; Proben aus Nabelschnurblut oder fetalem Blut wurden nicht analysiert. Auch fanden die Autoren keine Hinweise auf eine Schädigung der Plazenta oder auf ungünstige neonatale Outcomes. Mit anderen Worten: Die Studie liefert keinen Hinweis auf ein Risiko für das Kind. Sie zeigt lediglich, dass Bestandteile des Spike-Proteins oder Spuren von Impfstoff-RNA unter Umständen im Plazentagewebe nachweisbar sein können.
Ein Mythos fällt dennoch
Trotz dieser Einschränkungen berührt die Studie eine Aussage, die während der frühen Impfkampagnen häufig zu hören war: Der Impfstoff bleibe lokal im Arm der geimpften Person. Diese Formulierung war immer eine fragwürdige Banalsierung. Schon aus pharmakokinetischen Untersuchungen an Ratten war bekannt, dass Lipid-Nanopartikel nach intramuskulärer Injektion im ganzen Körper verteilt werden können. Die Wiesbadener Studie fügt dieser Diskussion nun ein weiteres Puzzleteil hinzu. Sie zeigt, dass Spike-Signale und vereinzelt auch Impfstoff-RNA noch Wochen nach der Impfung im Plazentagewebe nachweisbar sein können. Die biologischen Abläufe sind also komplexer, als es manche frühen Kommunikationsbotschaften vermuten liessen.
Wie belastbar ist das Risikoargument bei Schwangeren?
Ein wichtiger Teil der Impfempfehlungen für Schwangere stützte sich auf Studien aus den ersten Jahren der Pandemie. Diese zeigten, dass infizierte Schwangere häufiger intensivmedizinisch behandelt werden mussten und dass bestimmte Schwangerschaftskomplikationen – etwa Frühgeburten – etwas häufiger auftraten. Die meisten dieser Studien vergleichen jedoch zwei Gruppen: Schwangere mit diagnostizierter SARS-CoV-2-Infektion und solche ohne Infektion. Dieser Ansatz ist grundsätzlich sinnvoll, hat aber eine bekannte epidemiologische Schwäche: Die beiden Gruppen können sich auch in anderen Gesundheitsfaktoren unterscheiden, die ihrerseits das Risiko für Komplikationen beeinflussen.
Ein möglicher – und bislang kaum beachteter – Faktor ist der Vitamin-D-Status. Vitamin-D-Mangel wird seit Jahren mit verschiedenen Schwangerschaftskomplikationen in Verbindung gebracht, darunter Bluthochdruck (mit Präeklampsie), Schwangerschafts-Diabetes und Frühgeburt. Gleichzeitig zeigen epidemiologische Analysen, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel auch mit einem erhöhten Risiko für SARS-CoV-2-Infektionen sowie für schwerere Krankheitsverläufe assoziiert sind. Damit entsteht eine potenzielle Verzerrung: Schwangere mit Vitamin-D-Mangel dürften häufiger eine diagnostizierte Covid-Infektion erleiden, aber auch ihr Risiko für Schwangerschaftskomplikationen ist augrund des Vitamin Mangels erhöht. Wird dieser Faktor in Studien nicht berücksichtigt, kann ein Teil der beobachteten (oder die ganze) Assoziation zwischen Covid-19 und ungünstigen Schwangerschaftsverläufen auch einfach durch diesen gemeinsamen Risikofaktor erklärt werden, ohne dass eine ursächliche Beziehung besteht, sogenanntes „confounding“.
Bemerkenswert ist, dass der Vitamin-D-Status in keiner der grossen Beobachtungsstudien zur Covid-Erkrankung in der Schwangerschaft erhoben wurde. Dies, obwohl die Bedeutung des Vitamin D Mangels aus der wissenschaftlichen Literatur sowohl für den Schwangerschaftsverlauf als auch für die Covid-Erkrankung gut bekannt ist. Ob und in welchem Ausmass dieser mögliche Confounder die Ergebnisse beeinflusst hat, lässt sich ohne eine Vitamin D Bestimmung nicht beurteilen. Es ist aber auch nicht auszuschliessen, dass der Vitamin D Mangel das grösste Risiko für eine Schwangere darstellt.
Eine Frage der sorgfältigen Abwägung
Die Wiesbadener Studie liefert keinen Hinweis auf eine Gefährdung des ungeborenen Kindes. Sie zeigt aber, dass biologische Prozesse nach einer Impfung komplexer sein können als lange angenommen. Gerade in der Schwangerschaft müssen medizinische Interventionen besonders sorgfältig abgewogen werden. Dabei geht es immer um zwei Seiten derselben Medaille: mögliche Risiken – aber auch den erwarteten Nutzen einer Massnahme. Beim Thema Covid-19 scheint das Risiko für schwere Krankheitsverläufe bei Schwangeren heute insgesamt eher gering zu sein. Gleichzeitig gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass die in der Studie beobachteten Plazentabefunde klinische Folgen für das Kind haben.
In einer solchen Situation ist eine nüchterne, transparente Kommunikation besonders wichtig. Schwangere sollten sowohl über mögliche Unsicherheiten als auch über den erwarteten Nutzen einer Intervention informiert werden – damit sie gemeinsam mit ihren ÄrztInnen eine gut begründete Entscheidung treffen können. Diese Information aus der neuen Studie müssten man ihnen meines Erachtens geben. Meine persönliche Erfahrung im Umfeld bestätigt übrigens eine Entwicklung, die vermutlich viele Ärztinnen und Ärzte beobachten: Heute lassen sich kaum noch Schwangere gegen Covid-19 impfen. Offensichtlich ist für viele die individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung bereits entschieden.
Umso wichtiger, dass medizinische Empfehlungen auf einer offenen Diskussion der verfügbaren Daten beruhen – und nicht auf vereinfachenden Botschaften.