mRNA-Impfstoffe und evidenzbasierte Medizin: Ein Realitätsabgleich
Die Publikation der neuen mRNA-Impfung gegen Influenza im New England Journal of Medicine (NEJM) hätte ein wissenschaftlicher Meilenstein sein können. So haben auch unsere Medien euphorisch darauf reagiert, wie zum Beispiel nau.ch: „Eine Phase-3-Studie von Pfizer zeigt vielversprechende Resultate von mRNA-Impfungen.“
mRNA-Technologie angewandt auf eine altbekannte, medizinisch relevante Erkrankung – das weckt Erwartungen.
Doch die veröffentlichte Studie (Fitz-Patrick, 2025) ist weniger ein Fortschritt als ein Lehrstück dafür, wie die Pharmaindustrie halb-wissenschaftliche Daten nutzt, um Ärztinnen und Ärzte – und damit auch die Öffentlichkeit – zu beeinflussen. Und sie zeigt exemplarisch, wie ein renommiertes Fachjournal bereit ist, dieses Spiel mitzuspielen. Ein eindrückliches Beispiel, wie Fachzeitschriften mit Pharmaindustrie zusammenspannen.
Bevor ich zur Kritik komme, kurz zum Studiendesign.
Kurzüberblick: Studiendesign und Resultate
Untersucht wurde ein mRNA-basierter Influenza-Impfstoff von Pfizer im Vergleich zu einer konventionellen, zugelassenen Grippeimpfung. Eingeschlossen wurden Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren. Primärer Endpunkt war das Auftreten von laborbestätigter Influenza mit Symptomen.
Das Resultat: Die mRNA-Impfung wirkte nicht schlechter, aber auch nicht relevant besser als die konventionelle Impfung. Dieses „nicht schlechter“ wird nun als Erfolg verkauft – als Legitimation für eine neue Impfstoffgeneration.
Doch genau hier beginnen die Probleme.
1. Autorenliste: Wissenschaftliches Feigenblatt
Ein Blick auf die Autorenliste zeigt: praktisch alle Autorinnen und Autoren sind Mitarbeitende von Pfizer. Der Erstautor, Fitz-Patrick aus Honolulu, ist Endokrinologe und erscheint in mehreren Pfizer-Publikationen als Koautor, ohne selbst eine eigenständige wissenschaftliche Laufbahn im Bereich Influenza oder Impfstoffforschung vorweisen zu können.
Dieses Vorgehen ist typisch für industriefinanzierte Studien:
Die Studie wird von der Firma geplant, durchgeführt, ausgewertet und geschrieben. Für die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit wird ein externer Kliniker als Erstautor gewonnen – ein Feigenblatt, das den Anschein akademischer Unabhängigkeit erzeugt.
Aus meiner langjährigen Erfahrung in der HIV-Forschung ist dieses Muster bestens bekannt. Dass das NEJM solche Arbeiten regelmässig publiziert, stärkt nicht nur das Renommee der Industrie, sondern auch jenes des Journals selbst.
2. Verschwiegene Daten: Die über 65-Jährigen
Besonders gravierend ist ein Punkt, den das NEJM mit keinem Wort thematisiert:
Gemäss Studienregistrierung wurden auch Probanden über 65 Jahre eingeschlossen. In der Publikation jedoch erscheinen ausschliesslich Daten der 18- bis 65-Jährigen.
Das ist kein nebensächlicher formaler Mangel, sondern ein wissenschaftlicher Skandal. Denn die über 65-Jährigen sind genau jene Population,
- die ein hohes Risiko für Hospitalisation trägt,
- die an Influenza stirbt,
- und für die eine wirksame Impfung tatsächlich relevant wäre.
Dass diese Daten nicht publiziert wurden, lässt nur einen Schluss zu:
In dieser Altersgruppe liess sich kein überzeugender Effekt zeigen. Also publiziert man selektiv jene Resultate, die besser aussehen.
3. Kein Placebo – keine Aussage zur Wirksamkeit
Die Studie vergleicht mRNA-Impfung gegen konventionelle Impfung.
Ein Placebo-Arm fehlt vollständig. Damit bleibt eine zentrale Frage unbeantwortet:
Erkranken Geimpfte überhaupt seltener an Influenza als Ungeimpfte?
Dass dieses Szenario bei gesunden Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren keineswegs theoretisch ist, zeigt eine grosse Studie unter Mitarbeitenden der Cleveland Clinic (Shrestha et al, preprint). Dort war das Risiko einer Influenza-Erkrankung bei Geimpften höher als bei Ungeimpften.
Ohne Placebo lässt sich keine absolute Wirksamkeit bestimmen. Alles, was bleibt, ist ein relativer Vergleich zweier Impfstoffe – ohne zu wissen, ob beide überhaupt einen relevanten Nutzen haben.
4. Relative Effekte statt klinisch relevanter Zahlen
Vielleicht das grösste Versagen des NEJM: Es wird ausschliesslich mit relativen Effekten gearbeitet. Doch was uns in der evidenzbasierten Medizin interessiert, ist etwas anderes: Wie viele Erkrankungen verhindere ich mit meiner Intervention?
Die entscheidende Kennzahl wäre da die Number Needed to Treat (NNT). Sie wird nicht angegeben – und kann mangels Placebo auch nicht berechnet werden. Aus den publizierten Zahlen lässt sich aber abschätzen: Man müsste über 300 Personen mit dem mRNA-Impfstoff statt mit dem konventionellen Impfstoff impfen, um eine einzige zusätzliche Influenza-Infektion zu verhindern.
Selbst wenn der neue Impfstoff nur 10 Franken teurer wäre, entspräche das 3000 Franken Mehrkosten pro verhinderter Infektion – bei einer Erkrankung, die in dieser Altersgruppe meist selbstlimitierend ist.
5. Häufige Nebenwirkungen – unklarer Nutzen
Nach dem fehlenden Placebo-Vergleich stellt sich zwangsläufig die nächste Frage:
Wie steht der potenzielle Nutzen der Impfung im Verhältnis zu ihren Nebenwirkungen? Denn während wir nicht wissen, wie viele Influenza-Infektionen tatsächlich verhindert wurden, wissen wir sehr genau, wie häufig die Impfung selbst grippeähnliche Symptome auslöst.
Die publizierten Sicherheitsdaten zeigen ein bemerkenswertes Bild:
Bei der mRNA-Impfung entwickelten 30 bis 50 % der Geimpften systemische grippeartige Symptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen oder Schüttelfrost – exakt jene Beschwerden, vor denen die Impfung eigentlich schützen soll.
Abbildung
Systemische Nebenwirkungen nach mRNA-Influenza-Impfung im Vergleich zur Kontrollimpfung (adaptiert nach Fitz-Patrick et al., NEJM 2025). Dargestellt sind Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Muskelschmerzen und Fieber nach Schweregrad.
Besonders auffällig ist der Fieberbefund:
- 5,6 % der Geimpften entwickelten Fieber
- 0,8 % sogar hohes Fieber von ≥ 39 °C
Das sind keine Bagatellen, sondern klinisch relevante Nebenwirkungen, die zumindest vorübergehend zu Arbeitsunfähigkeit führen können. Demgegenüber steht ein unklarer Nutzen. Mangels Placebo-Arm lässt sich nur grob abschätzen, wie viele Infektionen tatsächlich verhindert wurden. Realistisch dürfte es sich – in dieser Altersgruppe – um Grössenordnungen von etwa 1 % handeln.
Mit anderen Worten: Wir akzeptieren häufige, impfbedingte grippeähnliche Symptome bei vielen, um möglicherweise sehr wenige, meist milde Infektionen zu verhindern. Diese Nutzen-Risiko-Abwägung wird im NEJM-Artikel weder diskutiert noch problematisiert.
6. Falsche Endpunkte: Symptome statt relevanter Outcomes
Untersucht wurde einzig das Auftreten von Grippesymptomen mit positivem Virusnachweis.
Nicht untersucht wurden:
- Hospitalisationen
- schwere Verläufe
- Mortalität
- Reduktion der Weiterübertragung
Somit wurden genau jene Endpunkte gewählt, die medizinisch am wenigsten relevant sind: Grippesymptome dauern in dieser Altersgruppe wenige Tage. Damit haben wir seit Kindheit gelernt zu leben. Was wir verhindern wollen, sind schwere Verläufe und Todesfälle – genau dazu sagt diese Studie nichts.
Ein persönlicher Nachsatz
Während meiner aktiven Zeit als Chefarzt hätte ich mir einen solchen Text kaum leisten können. Zu gross wäre die Sorge gewesen, Forschungsanträge, Kooperationen oder akademische Reputation zu gefährden. Vielleicht erklärt das, warum pharmakritische Stimmen selten sind – und warum man sie häufiger von Ärztinnen und Ärzten hört, die ihre Karriere hinter sich haben.
Diese Studie ist kein wissenschaftlicher Durchbruch. Sie ist ein Beispiel dafür, wie man mit halben Daten ganze Geschichten erzählt – und wie ein renommiertes Fachjournal bereit ist, dabei mitzuwirken.