19. September 2021

Covid: Genesen-Zertifikat – Wie lange gültig?

Wir dürfen davon ausgehen, dass eine gegen Covid geimpfte Person zwar keinen vollständigen Schutz vor einer erneuten Infektion aufweist, doch die Wahrscheinlichkeit einer schweren Infektion wird massiv reduziert. In der aktuellen Debatte zum Covid-Zertifikat dürfen wir uns durchaus die Frage stellen, ob denn eine durchgemachte Covid-Infektion auch einen ausreichenden Schutz vermittelt. Eigentlich müssen wir davon ausgehen, dass wir mehr Daten zur Dauer der Immunität nach durchgemachter Infektion haben, als Daten zur Dauer des Impfschutzes.

Gute Datenlage schon im Sommer 2020
Tatsächlich sind unsere Erfahrungen zur Dauer der Immunität nach einer durchgemachten Infektion ausgezeichnet. Covid-19 ist ja nicht die erste Infektionskrankheit, bei der wir eine Immunantwort studieren. Wir hatten auch bereits am 13. April 20 auf infekt.ch ausführlich darüber berichtet, wie sich eine Immunantwort gegen eine Virusinfektion aufbaut. Unsere Schlussfolgerung am 13.4.20 war: „Nach allem was wir heute wissen, dürfen wir davon ausgehen, dass eine Infektion mit Covid-19 eine normale Antikörperantwort mit neutralisierenden Antikörpern und einer vernünftigen Immunität hinterlässt.“ Tatsächlich gab es keinen Grund daran zu zweifeln, dass die Biologie in der Regel ihren eigenen Gesetzmässigkeiten folgt. Am 12. Juli 2020 hatten wir in einem Nachtrag noch zwei bahnbrechende Arbeiten zitiert, welche jeden Zweifler eines Besseren gelehrt hätten.

Neue Arbeiten bestätigen unsere Hypothesen
In der Zwischenzeit haben sich zahlreiche Forschungsarbeiten diesen Fragen gewidmet. Auch in unserer eigenen im März 2020 lancierten Studie bei Spitalmitarbeitern konnten wir zeigen, dass Personen mit positiver Antikörper-Antwort nach einer Covid-19 Erkrankung (egal ob symptomatisch oder nicht) einen deutlichen Schutz vor einer erneuten Infektion haben (Kohler et al pre-Print). Diesen Sommer wurden zwei wichtige Arbeiten im Nature publiziert und im Editorial von Radbruch (14.6.21, Nature) kommentiert. Dieser Autor fasst die Resultate in dieser einfachen Grafik zusammen: Wir können nach einer Infektion einen hohen Antikörper-Titer nachweisen, der dann über die Zeit abfällt. Die meisten Laien, und vermutlich auch Politiker, schliessen daraus, dass mit dem Abfall der Menge von Antikörpern auch die Immunität abfällt. Doch dem ist nicht so, wie Radbruch sehr schön aus den Arbeiten von Wang (Wang et al, Nature 14.6.21) und Turner (Turner et al, Nature 24.5.21) ableitet. Der Abfall der Antikörper ist ein normaler, ja gewünschter Prozess. Wäre dem nicht so, müssten wir über das ganze Leben unglaubliche Mengen an Antikörpern ansammeln. Da ist die Biologie sehr viel schlauer: Der Körper begnügt sich damit, im Knochenmark sogenannte Memory-Zellen zu speichern (in der Grafik blau dargestellt). Dieses Antikörper-Gedächtnis bleibt auf ca. 10% der ursprünglichen Antikörperantwort aber das Gedächtnis bleibt viele Jahre, vielleicht lebenslang um dann am Ende des Lebens im Rahmen der „immune senescence“, der Alterung des Immunsystems zusammen zu brechen (s. auch: Nature 26.5.21).
Die hier gezeigten Daten zeigen einmal mehr, was wir auch von anderen Virusinfektionen wissen: Der Antikörper-Titer sagt wenig darüber aus, wie lange ein Schutz gegen eine Infektion anhält. Ein positiver Test – egal wie hoch – bestätigt die durchgemachte Infektion. Dieser Schutz dürfte sehr lange andauern. Und auch wenn eine Zweitinfektion damit nicht ausgeschlossen ist, die Zweiterkrankung wird – so wie bei Geimpften – in aller Regel milder verlaufen. Damit kann jemand nach durchgemachter Erkrankung recht zuverlässig davon ausgehen, dass er oder sie sich nicht sehr vor einer Zweitinfektion zu fürchten haben. Allerdings werden wir alle älter und irgendwann kommen auch wir in ein Alter, in dem uns unser Immunsystem nicht mehr ausreichend schützen wird. Auch dies hat die Biologie so eingerichtet.

Auch die Covid Taskforce hat in ihrem policy brief vom 25.6.21 bestätigt, dass eine durchgemachte Infektion eine Schutzwirkung von mindestens acht Monaten aufweist und vermutlich doppelt so lange vor einer schweren Infektion schützt. Diese Schutzwirkung ist recht eindrücklich und vielleicht sogar mit der Wirkung einer Impfung vergleichbar. Wichtig ist, dass die Wirkung bei immunsupprimierten und älteren Menschen weniger lange anhalten wird.

Schützt eine durchgemachte Infektion besser als eine Impfung?
Eine kürzlich auf einem pre-publication Server publizierte Arbeit aus Isreael (Gazit et al, 25.8.21) vermutet sogar, dass die Schutzwirkung nach einer Impfung signifikant schwächer sein könnte als nach einer natürlich durchgemachten Erkrankung. Sicher muss man solche Daten kritisch analysieren, weil man die beiden Gruppen nicht kritiklos vergleichen kann. Die Personen, die eine Krankheit durchgemacht hatten, unterscheiden sich vermutlich auch in wesentlichen Eigenschaften von der geimpften Population. Dennoch, das Resultat ist keine Überraschung: Eine natürliche Infektion hinterlässt eine sehr viel breitere Immunantwort gegen sehr viel mehr Virusbestandteile. Doch die natürliche Infektion kann auch zu Komplikationen führen, was wir eben mit einer vorgezogenen Impfung vermeiden möchten.
Daher würde ich immer noch eine Impfung einer natürlichen Infektion ohne vorgängige Impfung vorziehen. Die Studie von Gazit et al. unterstützt aber auch eine weitere Praxis in der Schweiz: Personen, die nach einer Infektion auch noch einmal eine Impfung erhielten, wiesen ein noch kleineres Risiko einer erneuten Covid-Infektion auf.

Offene Fragen….
Sie werden jetzt vielleicht fragen, weshalb denn das BAG eine klare Dokumentation einer durchgemachten Infektion mittels Antikörpertests oder sogar Erregernachweis mittels Antigen-Test kein „Genesen-Zertifikat“ erststellen will. Ich weiss es auch nicht. Ich glaube nicht, dass diese Vorschrift von Medizinern kommt. Denn die Antikörperreaktion (sog. Serokonversion) ist etwas, womit wir in der Praxis seit Jahrzehnten eine durchgemachte Infektion beweisen.
Ebenfalls offen ist die Frage, weshalb ein Genesen-Zertifikat nur 6 Monate gültig sein soll, wohingegen für eine Impfung bereits eine Dauer von 12 Monaten attestiert wird, was ja bisher noch gar niemand untersuchen konnte.

Auch noch offen ist, wann man nach durchgemachter Infektion noch eine zusätzliche Impfung durchführen soll. Leider drängen jetzt viele Menschen wegen ihrem Zertifikat darauf, ihre Impfung kurz nach der Erkrankung vorzunehmen. Ob das eine gute Idee ist, bezweifle ich. In der Regel ist der Booster-Effekt (die Bildung einer langanhaltenden Gedächtnisantwort) besser, wenn tendenziell mehr Zeit zwischen den beiden Zeitpunkten liegt.

Falls Sie hilfreiche Hinweise auf die hier gestellten Fragen haben, bin ich dankbar um Ihr feedback auf covid(a)vernazza.ch (ersetzten Sie (a) durch @). Bitte registrieren Sie sich auf dem Newsletter („Aktuell informiert“), um auch die nächsten Themen nicht zu verpassen. Es wird spannend….

Ergänzung 21.9.21
In einem weiteren Editorial (18.9.21) in der Zeitschrift Nature von Elie Dolgin diskutiert die Autorin auch die Resultate zur Abnahme der Wirksamkeit der Covid-Impfung über die Zeit. Khouri et al beschrieben bereits am 17.5.21 dass die im Blut nachweisbare Antikörpermenge über die Zeit nachlässt und auch die Impfung anstatt 90% zu Beginn nach 100 Tagen nur noch zu rund 70% vollständig schützt. Doch die Autorin weisst auch hier wieder darauf hin, dass der wichtige Teil der Impfung nicht die neutralisierenden Antikörper sind, welche eine Infektion verhindern können, sondern viel wichtiger sei die Vorbereitung der zellulären Immunantwort, welche dafür verantwortlich sei, dass eine Infektion deutlich weniger schwer verlaufe. Dies gilt es auch zu beachten, wenn wir jetzt eine Auffrischimpfung („Booster“) fordern. Es gibt zur Zeit wenig Evidenz, wonach die wirksamkeit der zellulären Immunantwort über die Zeit so stark abnehme, dass eine Booster Impfung gefordert werden müsse. Insbesondere zu einem Zeitpunkt, wo es noch zahlreiche Länder gibt, in welchen kaum 5% der Bevölkerung zugang zu einem Impfstoff hätten.

© tarot cards by tamaki

Prof. em. Dr. med. Pietro Vernazza

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