3. Januar 2021

Covid-Antikörper-Test: Ist er wirklich wertlos?

Seit die ersten Antikörper-Tests auf den Markt kamen, wurden sie in den Medien meistens als praktisch wertlos eingestuft. Man wisse nicht, ob sie einen Schutz vor Infektion anzeigen würden und wie lange dieser allenfalls anhalte. Wir hatten im April schon einmal versucht, diese Diskussion etwas zu versachlichen, basierend auf unserem allgemeinen Verständnis der Immunantwort des Körpers (s. Beitrag). Im April und Juni konnten wir die Aussagen mit wichtigen Studienresultaten ergänzen. Und am 29. Oktober haben wir hier darauf hingewiesen, dass die Immunantwort gegen Sars-CoV-2 besser ist als ihr Ruf und die entsprechenden Richtlinien deshalb allenfalls revidiert werden sollten.

Kein Antikörper-Test vor Impfung
Am 2.12.20 berichtete medinside.ch unter dem Titel: „BAG will auch Immune impfen“, dass die vorliegenden Daten aus der Sicht des BAG noch kein Nachweis einer ausreichend lange anhaltenden Immunität seien. Das BAG meint auch: «Nach dem heutigen Wissensstand kann die Covid-19-Impfung in solchen Fällen die Immunabwehr zusätzlich stärken». Woher man das weiss, ist mir nicht klar, aber natürlich darf man davon ausgehen, dass eine solche Booster-Wirkung durch eine Impfung möglich ist. Ich verstehe auch, dass es die Logistik kompliziert machen würde, wenn man vor dem Impfen noch einen Antikörper-Test durchführen wollte.

Und wenn ich die Covid-19 Erkrankung schon durchgemacht habe?
Diese Frage höre ich oft in den letzten Tagen. Wir haben am Kantonsspital St.Gallen viele Mitarbeitende, die kürzlich eine Covid-19-Infektion durchgemacht haben und mich fragen, ob sie sich jetzt impfen lassen sollten. Gerne hätten Sie vor der Impfung einen Antikörper-Test machen lassen. Auch wenn ich persönlich die Wahrscheinlichkeit ernsthafter Nebenwirkungen der Impfung als sehr gering einstufe, kann ich doch verstehen, dass jemand zum jetzigen Zeitpunkt noch etwas zögerlich ist. Mit dem Impfstoff wurden bisher zwar gute Erfahrungen gemacht, die Datenbasis ist aber noch relativ bescheidenen. Können wir Personen, die noch Bedenken haben, keinen Rat geben? Vielleicht doch!

Immunantwort schützt vor Reinfektion
Eine kürzlich im New England Journal of Medicine publizierte Untersuchung bei Spitalpersonal der Universität Oxford (Lumlely et al, online 23.12.20), gibt recht klare Antworten. Die Autoren haben bei gut 12’000 Spitalmitarbeitenden nach Sars-CoV-2-Antikörpern gesucht und sie dann über 31 Wochen beobachtet. Interessiert haben sich die Autoren für das Auftreten von Covid-19 Erkrankungen bei Personen, die keine Antikörper aufwiesen. Sie verglichen diese mit Personen die „seropositiv“ waren, also bereits über Antikörper gegen das Sars-CoV-2 Spike-Protein verfügten. Ab Ende April wurden die Spitalmitarbeiter alle zwei Wochen mittels PCR auf SARS-CoV-2 getestet, selbst wenn sie symptomlos waren.

Wie zu erwarten war, wurden im Herbst bei den zuvor seronegativen Personen insgesamt 223 Covid-19 Diagnosen gestellt. Knapp ein Drittel (n=100) waren zum Zeitpunkt des positiven PCR-Tests ohne Symptome.

Unter den 1177 Spitalmitarbeitern (rund 10%), die schon zu Beginn der Untersuchung (März/April) eine positive Antikörper-Antwort gegen das Spike-Protein aufwiesen, wurde keine einzige Person krank. In zwei Fällen fand sich im Verlauf ein positiver PCR Nachweis.

  • Bei der einen dieser beiden Personen wurden sowohl Antikörper gegen das Spike- als auch gegen das Nukleokapsid-Protein gefunden. Sie wurde nicht krank und war nach 2 und 4 Tagen in der PCR wieder negativ, sodass die Autoren eine falsch positive PCR-Reaktion nicht ausschliessen.
  • Die zweite Person wies einzig Antikörper gegen das Spike-Protein auf. Sie blieb symptomlos, während die PCR mit hoher Viruslast (ct: 13) positiv war und nach zwei Tagen schon deutlich abfiel (ct: 24).  Nach dieser Episode wurde die Antikörper-Antwort gegen beide Proteine (Spike und Nukleokapsid) positiv und ausgeprägter, was wohl eine klare Infektion beweist.

 

Wenn wir den einen Fall als „falsch positiv“ beurteilen, dann liegt das Risiko einer erneuten Infektion sieben Monate nach dem positiven Antikörper-Test nicht wie in der obenstehenden Abbildung aus dem NEJM Artikel bei 11 %, sondern bei gerade einmal rund 5 %. Damit beträgt die Risikoreduktion durch einen positiven Spike-Antikörper Test ungefähr 95%, was etwa der Risikoreduktion durch die Covid-Impfung entspricht.

Kommentar
In dieser Untersuchung wurden alle Mitarbeitenden zweiwöchentlich mittels SARS-CoV-2 PCR untersucht. Es fanden sich unter den seropositiven Personen nur zwei völlig symptomlose Infektionen, wobei die eine möglicherweise gar keine Infektion war. Wenn wir nun den „Schutz“ durch die positiven Antikörper nach sieben Monaten mit dem Schutz durch die Covid-Impfung vergleichen, so dürfen wir festhalten, dass durch den positiven Antikörpertest belegte Schutzwirkung eher noch besser ist als jene der Impfung.

Auch wenn die Impfstudien „nur“ eine Wirkdauer von zwei Monaten bestätigen können, bin ich persönlich überzeugt, dass auch diese länger anhalten wird. Denn unser Immunsystem ist hochkompetent. Daher hatte ich bereits im April und dann wieder im Oktober dafür plädiert, die vorhandenen Daten etwas positiver zu interpretieren. Die jetzt aus Oxford publizierte Studie ist für mich Evidenz genug, dass ich Personen, die bereits eine Covid-19 Erkrankung durchgemacht haben und allenfalls anti-Spike-Antikörper aufweisen, beruhigen kann. Falls sie Angst vor einer Impfreaktion haben, können sie auch gut zuwarten mit der Impfung, ohne sich ein schlechtes Gewissen zu machen.

Mit Blick auf diese Resultate gehe ich soweit, eine Quarantäne für jemanden, der bereits anti-Spike-Antikörper aufweist, als völlig evidenzlos zu bezeichnen. Die vorliegenden Resultate zeigen, dass jemand, mit positiver Immunantwort nicht angesteckt werden kann. Somit muss man bei solchen Personen nicht damit rechnen, dass sie nach einem Kontakt mit einer infizierten Person erneut ansteckend werden können.

Weitere Aspekte:
Den besonders interessierten Lesern kann ich die Lektüre der Studie von Lumley et al empfehlen. Die Autoren haben auch noch darauf hingewiesen, dass sich selbst bei Personen mit einer Antikörper-Antwort, welche unter dem „Schwellenwert“ zur Positivität lag, schon eine Schutzwirkung nachweisen lässt. Es ist nicht alles schwarz oder weiss – genau dies macht die Medizin so spannend.

Nachtrag vom 7. Januar 2021: Immunologisches Gedächtnis langlebig
Am 6.1.21 publiziert die Zeitschrift Science eine Studie aus dem Kalifornischen La Jolla Institut (Dan et al. Science 2021). Dabei bestätigen die Autoren die Angaben zur Langlebigkeit der Antikörper-Antwort. Wie wir schon früher berichtet haben, ist der im Zusammenhang mit Covid-19 immer als Problem geschilderte Abfall der Antikörper-Antwort ein  normaler Prozess. Das Immunsystem wäre ineffizient, wenn es  alle Antikörper über Jahre in hoher Konzentration aufrechte erhalten würde. Unsere B-Zellen, welche Antikörper produzieren, wandeln sich um in sogenannte Memory Zellen. Sie produzieren keine Antikörper mehr sondern sind bei einer erneuten Infektion bereit, sofort effiziente Antikörper zu bilden. Dieses B-Zell „Memory“ haben die Autoren über die Zeit untersucht und interessante Ergebnisse präsentiert. Die Memory Zellen (in der unten stehenden Abbildung Memory Zellen, die Antikörper gegen das Spike Protein bilden können), steigen in den ersten 3-4 Monaten an um dann bis 8 Monate (240 Tage nach Beginn der Symptome, PSO) auf einem Plateau zu verbleiben. Also gar kein Zeichen einer abfallenden Immunantwort!
Einmal mehr sehen wir: Die Biologie verhält sich bei einem neuen Virus nicht einfach überraschend anders, als wir das von anderen Viren seit Jahrzehnten kennen. Soviel zur immer wieder gehörten Behauptung, „wir wissen noch viel zu wenig“.

Abbildung: Covid by tonnoro

Literaturangaben


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza