2. Oktober 2020

Wunder von Elgg – wirklich ein Wunder?

Die NZZ (2.10.20) bezeichnet einen Corona-Ausbruch in einem Altersheim, in dem von 25 betagten Bewohnern niemand schwer erkrankt, als ein Wunder. Mir scheint, das ist etwas hoch gegriffen. Denn mit Wunder bezeichnet man meist Ereignisse, die medizinisch nicht erklärt werden können. Hinter der Aussage, dass es sich hier um ein Wunder handle steckt auch eine Skepsis, wonach einige wichtige Erkenntnisse der letzten Monate zu Covid-19 einfach zu optimistisch sind, als dass man darüber bereichten dürfte.

Immer öfter fällt mir auf, dass neuere Erkenntnisse zur Immunologie und Virologie mit auffallend grosser Skepsis aufgenommen werden, als ob es gar nicht sein kann, dass sich die Virusinfektion zum Guten wenden könnte. So haben wir selbst Kritik einstecken müssen, als wir berichtet hatten:

  • dass viel mehr Personen eine Kreuzimmunität aufweisen, als bisher angenommen wurde (Bericht vom 20.9.20)
  • dass sich über die Zeit immer weniger gefährdete Leute betroffen sein könnten (Bericht vom 12.9.20)
  • dass viele Haushaltpartner von infizierten Personen eine Immunität aufgebaut hatten, ohne je krank geworden zu sein (Bericht vom 26.7.20)

Unsere Kritiker meinen dann, dass das alles fragwürdige Publikationen seien, die wir zitieren. Das geht schon so weit, dass ich mich nicht traue, über unabhängige Beobachtungen von bereits drei Forscherteams zu berichten, nur weil der Peer-Review Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Denn alle drei Forschergruppen machen dieselbe Beobachtung: Sie sehen, dass sich das Virus in den letzten Monaten verändert hat, dass es weniger aggressiv verläuft und eher häufiger übertragen wird. Eigentlich eine wichtige Erkenntnis, die auch das „Wunder von Elgg“ erklären könnte. Aber aus Angst vor Schelte von Kollegenseite halte ich mich zurück, über diese doch interessanten Aspekte zu berichten.

Schade eigentlich, denn vielleicht könnten wir aus solchen Ereignissen wie dem „Wunder von Elgg“ doch sehr viel für die Zukunft lernen.

Übrigens: Ihr Feedback auf covid@Vernazza.ch freut mich immer!

Foto von ™ Pacheco


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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