29. Oktober 2020

Covid-19: Immunantwort stabiler als bisher vermutet

Seit Beginn der Covid-19 Epidemie wurde immer wieder behauptet, die Immunantwort, gemessen an der Antikörper-Reaktion auf SARS-CoV-2 sei ungenügend, um von einem wirksamen Schutz auszugehen.  Noch immer berichten verschiedene Medien, die Immunantwort gegen Covid-19 sei ungenügend. Die Covid-Task-Force des Bundes berichtete am 16.9.20 auch recht zurückhaltend: Die verfügbaren Studien deuten nicht darauf hin, dass SARS-CoV-2-Infektionen eine robuste und dauerhafte Resistenz gegen das Virus erzeugen. Es ist allerdings möglich, dass die Krankheit im Falle einer Wiederansteckung weniger schwer ausfällt.

Quarantäne auch nach durchgemachter Erkrankung!
Aufgrund dieser Beurteilung werden heute Personen, die schon mal eine Covid-19 Infektion durchgemacht haben, bei einer erneuten Exposition wieder in Quarantäne geschickt, wenn diese Infektion mehr als drei Monate zurückliegt. Und ein vorliegender Antikörpertest, der eine durchgemachte Infektion anzeigt, wird nicht als Beweis für ein deutlich reduziertes Infektionsrisiko akzeptiert.

Science First! – Wo ist die Evidenz?
Wir hatten schon am 13. April die Argumente zusammengetragen (Bericht), wonach die Evidenz für eine gut wirksame Immunantwort gar nicht so schlecht sei. Nun bestätigt eine neue Studie der Mount Sinai School of Medicine in New York die langanhaltende Wirksamkeit der humoralen, also durch Antikörper vermittelten Immunantwort (Wajnberg et al, Science 2020).
Die Autoren berichten in der renommierten Zeitschrift Science über ihre Untersuchungen bei über 30’000 Patienten mit einem positiven Antikörper-Test. Dabei wurden folgende Faktoren untersucht:

  • Höhe der Antikörperkonzentration (sog. „Titer“)
  • Die Fähigkeit der Antikörper, das Virus zu neutralisieren
  • Die Dauer der Antikörperantwort

Zunächst einmal zum Antikörper-titer: nur gerade 2.3% resp. 4.8% hatten einen grenzwertigen oder tiefen Antikörpertiter (s. Abb.).

Dies ist ja schon mal ein sehr deutliches Resultat. Mehr als 90% der Antikörperantworten wiesen einen ausreichend hohen Antikörpertiter auf.

Nun sagen Kritiker, dass man bei einer Antikörper-Antwort nicht davon ausgehen kann, dass diese den Menschen auch vor einer Re-Infektion schützt. Allgemein geht man davon aus, dass Antikörper, welche im Reagenzglas eine Infektion einer Zielzelle mit dem Virus verhindern könne, neutralisierend sind. Bei SARS-CoV-2 geht man davon aus, dass die Antikörper, die wirksam die Bindungsstelle des Virus mit der Zielzelle, das sogenannte Spike Protein binden, auch neutralisierend sind. Die Autoren haben daher auch mit einem speziell dazu entwickelten Antikörpertest nach Antikörpern gesucht, die gegen dieses Spike-Protein gerichtet sind.

Schützen die Antikörper vor einer Infektion?
Die Autoren fanden, dass die Hälfte der Patienten, die einen grenzwertigen oder schwachen Antikörpertiter hatten (7% aller Patienten mit Antikörper, s. Abb.) auch eine neutralisierende Antikörperantwort hatten. Bei Patienten mit Antikörpertiter von 1:320 hatten 90%, bei allen anderen 100% neutralisierende Antikörper. Insgesamt hatten somit von allen Patienten mit positivem Antikörpertest 94% auch eine neutralisierende Immunantwort. Das darf als sehr gute Immunantwort beurteilt werden.

Wie lange hält die Immunantwort an?
Um diese Frage zu beantworten haben die Autoren die Antikörperantwort bei Plasmaspendern untersucht: Personen, die eine Infektion durchgemacht hatten und deren Plasma für Therapiezwecke verwendet wurden.Insgesamt fanden sie über eine Beobachtungszeit von fünf Monaten keinen relevanten Abfall in der Immunantwort.

Antikörperantwort sollte besser berücksichtigt werden
Bisher wurden Antikörper gegen SARS-CoV-2 wenig in der Diagnostik verwendet. Die hat auch damit zu tun, dass die gängigen Richtlinien (inklusive BAG und WHO) vom Einsatz dieser Tests abraten. Wir denken, dass diese Frage nach dieser letzten Studie doch noch einmal neu evaluiert werden müsste. Denn wir wir schon im April postuliert hatten: Wenn wir wissen, dass wir einen guten schützenden Antikörpertiter haben, kann das sehr viele Probleme vereinfachen. Ich denke da nicht nur an den Einsatz von medizinischem Personal nach einmal durchgemachter Infektion zum Beispiel in Pflegeeinrichtungen. Wenn wir heute täglich 6000 Infektionen diagnostizieren, und eine doch noch relevante Dunkelziffer berücksichtigen, dann wäre es möglich, dass sehr viele Personen keine Quarantäne mehr durchführen müssten, normal zur Arbeit gehen könnten. Viele Menschen hätten weniger Angst im Leben, wenn sie wüssten, dass sie bereits eine Infektion durchgemacht haben. Vielleicht ist es Zeit, das Antikörper-Diagnostikkonzept neu zu beurteilen! Denn es gibt auch Schnelltests  mit guter Qualität, die sich recht einfach durchführen lassen. Ich kenne viele Personen, die einen solchen Test nutzen würden.

Kolosseum, Rom. Foto von Emeffre


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza