4. Februar 2020

Antibiotikaprophylaxe bei Myelom?

Eine kürzlich erschienene multizentrische Placebo-kontrollierte Studie  (Drayson et al.) aus Grossbritannien kam zu dem für uns nicht nachvollziehbaren Resultat, dass eine universale Antibiotikaprophylaxe bei allen Patienten mit neu diagnostiziertem multiplem Myelom vorteilhaft sei. Nun haben wir in einem Leserbrief an Lancet Oncology unsere Argumentation dargelegt, warum wir dies für keine gute Idee halten.

Die Autoren zeigten, dass eine 12-wöchige Prophylaxe mit dem Breitspektrumantibiotikum Levofloxacin bei Patienten mit neu diagnostiziertem multiplem Myelom, einem bösartigen Knochenmarkstumor, zu weniger Infekten und einem besseren Überleben führte solange das Antibiotikum gegeben wurde. Wenn die Patienten aber nach Absetzen des Antibiotikums weiter beobachtet wurden, gab es danach mehr Todesfälle in der Antibiotikagruppe und nach 1 Jahr war der ganze anfängliche Vorteil komplett verloren. Wie auch australische Autoren in einem weiteren Leserbrief postulieren wir, dass das Antibiotikum das Darmmikrobiom nachteilig und nachhaltig beeinflusst haben könnte, was möglicherweise zu einem schlechteren Ansprechen auf die Chemotherapie geführt hat. Bereits in  früheren  Arbeiten konnte gezeigt werden, dass diese sogenannte Antibiotika-induzierte Dysbiose zu einem  schlechteren Tumoransprechen und einem schlechteren Verlauf bei verschiedenen Tumoren und Chemotherapien geführt hat.

Abgesehen davon wurde die Studie in Grossbritannien durchgeführt, dessen Gesundheitssystem nicht mit dem der Schweiz vergleichbar ist. Bei uns besteht sicherlich ein rascherer Zugang zu medizinischer Versorgung und allfällige Infekte von Tumorpatienten werden vermutlich deutlich schneller erkannt und behandelt.

Ein weiteres wichtiges Argument gegen einen übermässigen ungezielten Antibiotikaeinsatz liegt natürlich in dem Risiko der Selektion für Antibiotikaresistenzen. Dieser Zusammenhang wurde ebenfalls mehrfach gezeigt.

Fazit:
Uns erscheint es zum derzeitigen Stand nicht angemessen, dass alle Patienten mit Myelom eine Dauerantibiotikaprophylaxe erhalten. Wir sollten Antibiotika lieber für Situationen aufheben, in denen wir sie wirklich und dringlich benötigen.


Prof. Dr. med. Werner Albrich, MSCR

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