30. Januar 2020

Neue Erkenntnisse zum Coronavirus-Ausbruch in China

Basierend auf den ersten 425 Patienten mit bestätigter nCoV-Infektion haben chinesische Epidemiologen neue Erkenntnisse zum Übertragungsrisiko des Virus veröffentlicht (Li et al. NEJM). Die Patienten (oder ihre Angehörigen) wurden auch betreffend möglicher Exposition im Huanan Seafood Market oder betreffend Kontakt mit anderen Erkrankten während 2 Wochen vor Symptombeginn detailliert befragt.

Dies sind die Hauptaussagen:

  • Es zeigte sich, dass bis Ende Dezember 2019 die meisten Erkrankten auf dem Seafood Market waren, dass dieser Anteil im Verlauf aber immer weiter abnimmt (siehe Bild). Es fällt auch auf, dass die allerersten Fälle KEINEN Link zum Huanan Markt hatten. Es wird deshalb anderswo diskutiert, ob das Virus eventuell zuerst in den Markt gekommen ist und sich dann von dort aus massiv ausgebreitet hat (Huang et al. Lancet). Der Ursprung des Virus bleibt unklar.
  • Die Inkubationszeit wird in dieser Arbeit auf 5.2 Tage geschätzt, wobei 95% der Patienten innerhalb von 12.5 Tagen symptomatisch werden. Dies unterstützt die momentane Vorstellung, dass eine 2-wöchige Beobachtungsperiode von Kontaktpersonen ausreichend ist.
  • Unter diesen 425 Patienten war die Mehrheit Männer, das Durchschnittsalter lag bei 59 Jahren. In der Tat scheinen ältere Männer besonders betroffen zu sein von der Erkrankung (Chen et al. Lancet).
  • In dieser Studie waren keine Jugendlichen/Kinder unter 15 Jahren vertreten. Entweder waren diese weniger exponiert, oder, was eher wahrscheinlich ist, verläuft die Krankheit bei Kindern häufig ohne oder mit wenig Symptomen. Dies unterstreicht übrigens auch ein anderer Fall in einem Familiencluster, wo der 10-jährige Sohn zwar radiologisch eine Pneumonie hatte sowie einen positiven Virusnachweis, aber keine Symptome zeigte (Chan et al. Lancet).
  • Die Anzahl von Kontakten, welche durch einen Fall angesteckt werden, liegt bei 2.2 (die basic reproduction number). Um eine weitere Ausbreitung der Erkrankung zu verhindern, müsste diese Zahl mit Präventionsmassnahmen (z.B. Isolationen oder Hygienemassnahmen) auf <1 reduziert werden. Da es aber wohl auch zu einer Ansteckung durch asymptomatische Patienten kommen kann (siehe auch die Fälle aus Bayern), stellt dies eine grosse Herausforderung dar.
  • Obwohl die Anzahl Infizierter unter dem Spitalpersonal über die Zeit zugenommen hat, scheint dies im Gegensatz zu SARS oder MERS deutlich seltener vorzukommen. Sogenannte Superspreader, wie man sie insbesondere bei SARS gesehen hat und die Dutzende von Spitalarbeitern angesteckt hatten, wurden bis anhin bei nCoV nicht beschrieben.

Die WHO will heute noch darüber beraten, ob der Coronavirus-Outbreak als Internationale Bedrohung der öffentlichen Gesundheit angesehen werden muss (Link).

Nachtrag: Die WHO hat noch am Abend des 30.1.20 den Coronavirus-Ausbruch zum Internationalen Gesundheitsnotstand erklärt.

Foto von fotopamas


PD Dr. med. Philipp Kohler

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