Nicht vergessen – Anaerobier!

Anaerobier sind Bakterien, die für ihr Wachstum weniger Sauerstoff benötigen. Ihr Nachweis im Labor ist häufig schwierig. Sauerstoff kann schon bei Probenentnahme und Transport den späteren Nachweis hemmen. Ein schwieriges Diagnostik-Problem.

Die Probleme beim Nachweis führen dazu, dass Anaerobier, selbst wenn sie im Labor nachgewiesen sind, nur selten auf Antibiotikaresistenzen getestet werden. Infektionen durch Anaerobier können jedoch schwer verlaufen und nehmen in ihrer Häufigkeit zu. Doch eine adäquate Therapie ist für einen optimalen Behandlungserfolg wichtig. Wie sieht es also um die Antibiotikaresistenzen bei Anaerobiern aus? Dazu wurde ein schöner Übersichtsartikel (Schuetz, 2014) veröffentlicht.

Im Folgenden sind die wichtigsten Resistenzinformationen bei Anaerobiern zusammengestellt:

Bacteroides fragilis Gruppe (Gram-negative Stäbchen):

  • Diese wichtigen Erreger intraabdomineller Infekte zeigen mit die höchsten Raten an Antibiotikaresistenzen unter den Anaerobiern.
  • Piperacillin-Tazobactam und Carbapeneme sind zu >90% wirksam. Resistenzen gegen Metronidazol sind selten, dagegen häufig gegen Clindamycin.
  • Innerhalb der Gruppe ist B. fragilis am wenigsten resistent, B. thetaiotamicron häufig multiresistent. Parabacteriodes distasonis zeigt hohe MHKs gegen β-Lactame, B. ovatus ist oft resistent gegen Carbapeneme, B. vulgatus gegen Piperacillin-Tazobactam und v.a. gegen Moxifloxacin.
  • Insgesamt nehmen die B. fragilis Resistenzen zu.

Andere Gram-negative Anaerobier:

  • Porphyromonas: meist empfindlich gegen Metronidazol, Clindamycin und β-Lactame, wobei ca. 30% der Stämme β-Lactamasen bilden.
  • Prevotella: 95% sind resistent gegen Ampicillin. Clindamycin-Resistenzen nehmen zu (aktuell bis zu 30%). Amoxicillin-Clavulansäure, Carbapeneme, Metronidazol, Moxifloxacin sind zu ≥90% wirksam.
  • Fusobacterium: Penicillin-Resistenz 4-15% (β-Lactamasen). Meist empfindlich auf Metronidazol, Clindamycin, Amoxicillin-Clavulansäure, Piperacillin-Tazobactam, Cephalosporine, Carbapeneme.

Gram-positive nicht-sporenbildende Stäbchen:

  • Actinomyces, Propionibacterium, Bifidobacterium: meist empfindlich auf β-Lactame, aber resistent gegen Metronidazol. Clindamycin mittelmässig aktiv (cave bei vorhergehender Akne-Therapie).
  • Lactobacillus: häufig resistent gegen Vancomycin (L. casei, L. rhamnosus).
  • Daptomycin, Linezolid: exzellente Aktivität

Gram-positive sporenbildende Stäbchen:

  • Clostridium perfringens: meist empfindlich auf Penicillin. Clindamycin-Resistenz nimmt zu (bis zu 14%).
  • Non-perfringens Clostridien: gut wirksam: Amoxicillin-Clavulansäure, Piperacillin-Tazobactam, Carbapeneme, Metronidazol, Vancomycin, Tigecyclin; oft unwirksam: Ampicillin, Clindamycin
  • C. difficile: meist empfindlich auf Metronidazol, Vancomycin, Fidaxomicin

Anaerobe Gram-positive Kokken:

  • Hierunter fallen Peptostreptokokken, Peptoniphilus, Finegoldia, Parvimonas.
  • >90% empfindlich auf Penicillin und andere β-Lactame wie Cephalosporine, Amoxicillin-Clavulansäure, Piperacillin-Tazobactam, Carbapeneme
  • Clindamycin-Resistenz: 7-20%, v.a. bei Finegoldia und Peptoniphilus zunehmend
  • 90-95% empfindlich auf Metronidazol.
  • Cave: Aerobe und mikroaerophile Streptokokken (z.B. S. anginosus), die auch anaerob wachsen (und daher als anaerobe Streptokokken fehlinterpretiert werden können) sind resistent gegen Metronidazol (daher Metronidazol nicht empfohlen bei Lungenabszess)

Was heisst das für uns?
Alle diese Daten sind aus diversen internationalen Studien zusammengetragen. Daher kann die Situation in der Schweiz durchaus anders sein. Insgesamt kann man sich als Faustregeln folgende Punkte merken:

  • In vielen Fällen genügt für die empirische Behandlung die Erregerdiagnose, da die Resistenz häufig vorhersagbar und damit eine wirksame Antibiotikatherapie planbar ist.
  • Eine Resistenztestung kann vor allem dann hilfreich sein, wenn
    • eine Resistenz gegen das verwendete Antibiotikum möglich ist und
    • eine Langzeit-Therapie erforderlich ist oder
    • Anaerobier aus sterilen Materialien isoliert werden oder
    • der Patient kritisch krank ist.
  • Unklar ist, ob immer alle Anaerobier behandelt werden müssen.
  • Antibiotika ohne Wirksamkeit gegen Anaerobier sind: Aminoglykoside, Bactrim, Aztreonam und Colistin.

Prof. Dr. med. Werner Albrich, MSCR

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