28. Dezember 2011

Mykoplasmen Pneumonie – oft verpasst!

Lungenentzündungen werden bei sonst gesunden Menschen meist durch Pneumo- und Streptokokken oder Hämophilus verursacht. Viel seltener sind die sogenannt atypischen Pneumonien. Wichtig, diese zu kennen, wie ein aktueller Ausbruch in Boston zeigt.

Bei den atypischen Pneumonien sind Mykoplasmen vermutlich die häufigsten Erreger. Auch Chlamydien und Legionellen verursachen die meist atypischen Verlaufsformen der Pneumonie.

Mykoplasmen (wie auch die anderen o.g. Bakterien) sind intrazelluläre Erreger, welche keine eigene Zellwand haben. Sie können daher nicht ohne Mithilfe der Wirtszelle überleben. Ein aktueller Ausbruch von Mykoplasmen-Pneumonien in Boston (s. Promed vom 27.12.11) veranlasst uns, diese Infektionskrankheit hier zusammenzufassen.

Mykoplasmen Pneumonie

Infektionen der oberen Luftwege sind die häufigste Manifestation von Mykoplasma pneumoniae. Die sehr kleinen, zellwandfreien Erreger gelangen auch durch Filteranlagen und können sehr leicht übertragen werden. Im aktuellen Ausbruch in Boston wird über eine Attack-Rate von 90% berichtet. Das heisst, dass eine erkrankte Person 90% ihrer direkten Kontaktpersonen ansteckt, eine beachtliche Infektiosität! Eigentliche Lungenentzündungen (Infektionen der unteren Luftwege) werden in 5-10% der Infizierten beobachtet. Diese Lungenentzündung unterscheidet sich von der normalen „typischen“ Pneumonie durch den fehlenden Auskultationsbefund. Bei der Untersuchung mit dem Stethoskop hört man kein für die Lungenentzündung typisches Geräusch, die Röntgenuntersuchung zeigt dann aber oft beachtliche Verschattungen (meist interstitielle Infiltrate).

Klinik

Typisch ist meist ein reduzierter Allgemeinzustand. Fieber (um 38-39.5°C) ist möglich, kann aber bei leichteren Fällen fehlen. Eine Rhinitis oder verlegte Nasenatmung ist fast obligat und auch Halsschmerzen (Pharyngitis) sind typisch (mit oder ohne Ohrenschmerzen), wobei der Halsbefund unspezifisch ist (keine Tonsillitis, Beläge etc.) und leicht geschwollene Halslympknoten vorkommen.
Typisch ist dann im weiteren Verlauf ein trockener Husten, der auch nachts sehr unangenehm ist.

Andere Organe können auch befallen werden. Geradezu typisch sind Kopfschmerzen, aber auch der Magen-Darmtrakt kann betroffen sein, Erhöhung der Leberenzyme ist möglich.

Die Beschwerden klingen sehr schnell nach Einleitung einer antibiotischen Therapie (Makrolid oder Doxicycline) ab. Ohne Behandlung ist die Krankheit in der Regel auch selbstlimitierend, der Heilungsprozess kann aber mehrere Wochen dauern.

Epidemiologie

Mykoplasmen-Infektionen werden selten diagnostiziert (schwierige Erregerdiagnose, meist nur serologisch im Verlauf möglich). Daher ist auch das epidemiologische Wissen um die Krankheit beschränkt. Aus ungeklärten Gründen treten Mykoplasmen-Pneumonien jedoch in mehrjährigen Zyklen gehäuft auf. Im Rahmen solcher Epidemien werden dann meist gleich ganze Familien (gestaffelt oder gleichzeitig) krank. Die hohe Kontagiosität führt auch dazu, dass überall dort, wo viele Menschen nahe zusammen leben (Schulen, Militär, etc.) grosse Ausbrüche beobachtet werden. Kinder unter 5 Jahren sind seltener betroffen.


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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