HIV-positiv kein Hindernis bei Kinderwunsch

Was vor 10 Jahren noch undenkbar schien, ist heute Realität. Die HIV-Infektion ist eine chronische Krankheit geworden, mit der man leben kann. Auch eine normale Familienplanung ist möglich…

Noch vor wenigen Jahren konnte ein HIV-diskordantes Paar (er positiv, sie negativ, oder umgekehrt) kaum gemeinsam Kinder kriegen. Seit einigen Jahren wissen wir, dass eine HIV-postive Frau, wenn sie gut behandelt ist, das Virus nicht auf das Kind überträgt. Doch wie verhält sich das Infektionsrisiko für den Partner/die Partnerin, wenn ein HIV-diskordantes Paar ungeschützen Sex hat, um ein Kind zu zeugen.

Eine Spanische Gruppe (Barreiro et al) hat erste Erfahrungen von HIV-diskordanten Paaren mit Kinderwunsch publiziert. Insgesamt handelte es sich um 62 Paare, in 22 Fällen war die Frau, in 40 Fällen der Mann HIV-infiziert. Bei allen Paaren war der HIV-infizierte Partner unter einer gut eingestellten HIV-Therapie (HAART) mit vollständig supprimierter Viruslast im Blut. Insgesamt wurden 76 Schwangerschaften beschrieben, 68 Kinder wurden geboren. In keinem Fall kam es zur Infektion des HIV-negativen Partners trotz ungeschützem Sexualverkehr zur Konzeption.

Diese Resultate sind zwar interessant, doch sie sagen noch nichts über das Risiko einer sexuellen Übertragung von HIV unter HAART. Wir wissen, dass das Risiko ohne HAART bei 1/300 pro Sexualkontakt liegt (de Vincenzi, 1994) und dass das Risiko unter HAART wesentlich tiefer liegen sollte. Wenn es bei 78 Schwangerschaften also nicht zur Übertragung gekommen ist, dann ist das überhaupt nicht überraschend.

Ob das Übertragungsrisiko unter HAART so klein ist, dass es vernachlässigt werden kann und HIV-diskordante Paare ungeschützt Sexualverkehr haben können, wird sehr kontrovers beurteilt. Wir sind der Ansicht, dass das Risiko verschwindend klein ist, bevorzugen aber in unserer Beratung noch eine zusätzliche Sicherheitsmassnahme mit einer Prä-expositionsprophylaxe beim HIV-negativen Partner (Vernazza et al, AIDS 2006). Siehe dazu auch unseren Bericht vom Februar 2006 und den Vortrag "HIV und Kinderwunsch".

Quelle: Barreiro et al. Natural Pregnancies in HIV-Serodiscordant Couples Receiving Successfull Antiretroviral Therapy, J AIDS, 12. September 2006 (ahead of print)

Die modernere Tendenz weg von der Inseminationsbehandlung bei HIV pos. Mann wird weiterhin insbesondere von den gynäkologisch-reproduktionsmedizinischen Zentren in ganz Europa verdrängt. In einer kürzlich erschienenen Review zum "Fertility Management" HIV diskordanter Paare werden diese modernen Methoden völlig ausser Acht gelassen (Obstetrics & Gynaecology, August 2006, online).


Prof. em. Dr. med. Pietro Vernazza

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