Senkt die Varizellen-Impfung langfristig die Mortalität?

In den USA wird seit 1995 die Impfung von Kleinkindern gegen Varizellen empfohlen (siehe auch unseren Beitrag vom 28.9.03). Neuste Daten des CDC zeigen eine deutliche Senkung der Mortalität vor allem bei Säuglingen. Aber um welchen Preis?

Die neusten Daten des National Immunization Program des CDC werden im NEJM vom 3.2.05 vorgestellt. Bei einer Varizella-assoziierten Mortalitätsrate von weniger als 3/Mio Bevölkerung in der meistbetroffenen Gruppe der <1-Jährigen kann man bekanntlich von einer relativ ungefährlichen Kinderkrankheit sprechen. Diese Rate konnte durch das Impfprogramm in den USA auf weniger als 0.5/Mio reduziert werden, auf den ersten Blick ein schönes Ergebnis, ähnlich in er Gruppe der 1-4-Jährigen (s. Abbildung). Nguyen et al, NEJM

Es stellen sich aber verschiedene Fragen: Was kostet uns die Impfkampagne pro verhinderten Todesfall . Eine Impfung kostet bei uns rund 110 Franken. Die Impfung einer halben Million Kinder kann einen Todesfall verhinder (number needed to prevent). Dies enstpricht einem Aufwand von über 50 Millionen sFr. um einen Säuglings-Todesfall zu verhindern. Eine Kosten-Nutzen Analyse, die sich kaum rechtfertigen lässt.

Die Impfung von Neugeborenen hat jedoch noch gravierendere Folgen: Wie auch im Editorial der gleichen Nummer erwähnt, ist man sich über die längerfristigen Folgen des Impfprogramms noch nicht im Klaren: Zum einen weiss man, dass die Immunität nach einigen Jahren wesentlich nachlässt (97% Immunität im ersten Jahr versus 84% 8 Jahre nach der Impfung). Die Rate der sogenannten Breaktrough-Infektionen nach Impfung hat bereits zugenommen. Man weiss, dass die Immunität nach durchgemachter Infektion besser erhalten bleibt, wenn man immer wieder mit dem Virus in Kontakt kommt. Dies gilt eigentlich für das Immunologische Gedächtnis der meisten Infektionserreger.

Wenn wir nun aber durch die Impfung die natürlichen Varizellen-Epidemien im Kleinkindesalter verhindern, so fehlt den jungen und älteren Erwachsenen im späteren Leben die ständige Erinnerung an diesen Erreger.

Wir müssen dringend wieder einen normaleren Umgang mit Infektionserregern wie Varizellen lernen. Varizellen sind eine harmlose Kinderkrankheit, 3 Todesfälle pro Million Säuglinge ist ein höchst seltenes Ereignis. Das beste, was wir unseren Kindern antun können, ist sie den Windpocken auszusetzen. Es ist daher auch wichtig, dass wir Kinder wegen einer Windpocken-Infektion (entgegen anderslautenden offiziellen Empfehlungen) nicht vom Schulbetrieb dispensieren. Es gibt kaum etwas Besseres, was ein Kind mit Windpocken seinen Mitschülern geben kann, als gerade diese Infektion.

Wer erst im erwachsenen Leben mit Windpocken angesteckt wird, hat viel häufiger Probleme. Wir haben auch schon über die hohe Mortalität von Varizellen im Erwachsenenalter berichtet (s. den Bericht vom Todesfall im Asylbewerberheim oder vom Challenge in Virology 2005). Daher ist es umso wichtiger, dass wir die Windpocken zulassen. Regelmässige Epidemien sind genau das, was unser Immunologisches Gedächtnis aufrecht erhält. Und übrigens verhindert ein häufiger Kontakt mit Windpocken auch den Ausbruch eines H. zoster im Erwachsenenalter.

Im erwähnten Editorial fragt daher Stehen besorgt: Stehen wir in einigen Jahren einem Heer von ungenügend immunisierten Erwachsenen gegenüber? In der Schweiz haben wir auf die Impfung von Kleinkindern verzichtet. Unsere Empfehlung, junge Erwachsene zu impfen, ist der richtige Weg. Wir lassen zu, dass die Kinder die (harmlose) Krankheit durchmachen, das regelmässige Epidemien unser Immunsystem wach halten, dass wir jedoch nicht immune Erwachsene durch eine Impfung vor einer Krankheit mit rel. hoher Mortalität (ca. 1/3000) bewahren.

Nguyen et al, NEJM, 3.2.05


Dr. med Maria Hupfer

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