Tsunami: Welches sind die Risiken für Epidemien

Die tragischen Folgen der Flutkatastrophe vom letzten Sonntag im 2004 sind noch nicht absehbar. Die Medien berichten von einer grossen Seuchengefahr und begründen damit, dass die zahlreichen Toten rasch beerdigt oder verbrannt werden müssen. Stimmt diese Auffassung?

Die Meinung, dass von toten Menschen eine Seuchengefahr ausgehe, ist weit verbreitet, doch sie ist völlig unbegründet und geht möglcherweise zurück auf uralte Miasmustheorien. Psychologische Ängste vor dem Tod stimulieren vermutlich Theorien, wonach von toten Körpern giftige Stoffe abgesondert werden. 
Doch von toten Körpern von Menschen, die nicht primär an einer Infektionskrankheit gestorben sind (Beispiel Ebola) gehen weder Gefahren für das Grundwasser noch andere Infektionsgefahren aus. Natürlich schützen sich professionelle Helfer durch das Tragen von Handschuhen vor chronischen Infektionen wie Hepatitis und HIV. Ein Mundschutz, wie er nun auf zahlreichen Bildern gesehen wird, hat sicher keinen Sinn. 

Das Problem wurde vor kurzem in einem Editorial von de Ville de Goya im PanAm Journal of Public Health diskutiert. Das Hauptproblem der Menschen in den überfluteten Regionen dürfte jetzt die Wasserversorgung sein. Diese ist durch die massiven Verwüstungen zerstört und es droht eine Vermischung mit Abwässern. Sobald jedoch die Trennung von Trinkwasser und Abwasser nicht mehr gewährleistet ist, sind epidemie-artige Ausbreitungen von enteralen Infektionen, insbesondere Cholera und Salmonellosen die grösste Gefahr.

Die WHO hat ihre Strategie für die ersten 100 Tage des Desasters publiziert. Darin werden auch tatsächlich die enteralen Infektionskrankheiten als wichtigste Infektionsprobleme definiert: Cholera, Typhus, Shigellose, Hepatitis A und E, aber auch Dengue Fieber (Mücken, Sumpfgebiete!).

Daher beschäftigen sich die Krisenstäbe jetzt vorrangig um die Sicherstellung der Wasserversorgung. Die rasche Beseitigung von Leichen, auch wenn dies nun in den Medien immer und immer wieder behauptet wird, hat bezüglich Infektionsgefahren keine vorrangige Bedeutung.

Ein interessantes Editorial zur Bedeutung von Ängsten während Epidemien findet sich übrigens in Tropical Medicine & International Health  5 (8), 511-514. Jede Epidemie bedroht in zweierlei Hinsicht, durch die biomedizinische Bedrohung aber auch durch die psycho-soziale Bedrohung. Letztere führt oft zu inadäquaten, durch Ängste ausgelösten Massnahmen.

Die vermutlich grösste Katastrophe seit Menschengedenken wird noch zahlreiche Folgen haben; Infektionen werden einen Teil davon ausmachen. Es bleibt zu hoffen, dass die internationale Solidarität weiterhin anhält, und die betroffenen Menschen auch längerfristig mit unserer Unterstützung rechnen können.


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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