7. Oktober 2019

HIV-Zahlen weiterhin rückläufig – Strategie wirkt!

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat heute die epidemiologischen Daten zur HIV und Geschlechtskrankeiten (STI) im Bulletin publiziert. Die Daten bestätigen, dass wir in den letzten Jahren mit dem Nationalen Programm HIV und STI die richtige Strategie gewählt haben. Im Zentrum der Überlegung stand dabei, dass eine wirksame Behandlung infizierter Personen auch die Weitergabe der Infektion verhindert. Jetzt beginnt sich die Strategie auszuzahlen: Die Anzahl von frischen HIV-Infektionen ist auf einem  rekordverdächtigen Tiefstand. Weiter so!

Therapie-Motivation: Der Effekt des „Swiss Statements“
Patienten mit einer HIV-Infektion – insbesondere wenn sie keine Krankeitszeichen haben – müssen zur Durchführung einer Therapie motiviert werden. 2008 haben wir mit der Publikation des „Swiss Statements“ eine grosse Motivationskampagne ausgelöst. Die Information, dass eine Behandlung die weitere Übertragung einer HIV-Infektion verhindert, war für viele eine grosse Erleichterung und auch eine Motivation, mit einer Therapie zu beginnen. Während es vor 2008 durchschnittlich noch über ein Jahr dauerte, bis ein Patient mit einer HIV-Diagnose eine Therapie einleitete, kam es in den foglenden Jahren zu einem raschen Rückgang dieser Zeitspanne. Heute beginnen fast alle Patienten die Therapie unmittelbar nach der Diagnosestellung. Damit konnten wir erreichen, dass mit der Diagnosestellung die weitere Übertragung von HIV verhindert wurde.

Diagnose früh stellen!
Diese Wirkung der Therapie kann auch nur funktionieren, wenn wir die HIV-Diagnose stelle. Je früher, desto besser. Deshalb haben wir seit 2012 die frühzeitige Diagnose der HIV-Infektion mit verschiedenen massnahmen optimiert. Informationskampagnen an Hausärzte und an die Bevölkerung haben die Frühdiagnose im Rahmen der HIV-Primoinfektion gefördert. Am schönsten lässt sich der Erfolg dieser Strategie bei den Fallzahlen bei MSM (Männer, die mit Männern Sex haben) zeigen (s. Abb.). Dabei unterscheiden wir durch einen Trick beim HIV-Testverfahren, bei welchem Anteil der Diagnosen die HIV-Infektion innerhalb des letzten Jahres („frisch“) oder früher („älter“) erfolgte. Bei den MSM zeigt sich nun sehr deutlich, dass der Effort, mehr Primoinfektionen zu entdecken in den Jahren 2014-15 gut gewirkt hat. Die Anzahl der so diagnostikzierten Infektionen stieg. Doch weil diese Personen rasch behandelt wurden, kam es – entsprechend dem Ziel der HIV-Präventionsstrategie – in den folgenden Jahren zu einem deutlichen Rückgang der frischen Infektionen. Seit 2018 nimmt in der Schweiz auch eine relevante Anzahl von MSM (ca 1500 Personen) eine PrEP ein. PrEP ist eine Chemoprophylaxe, ähnlich wie bei Malaria, bei welcher eine Infektion durch ungeschützten Geschlechtsverkehr durch die Einnahme von HIV-Medikamenten verhindert wird.  Es ist daher möglich, dass Massnahme auch bereits einen Beitrag geleistet hat. Auch wenn das Infektionsrisiko bei diesen Männern ohne PrEP „nur“ 1% betragen hätte, so beträgt die damit verhinderte Anzahl von Neuinfektionen doch 15.

Prävention bei Heterosexuellen Personen zeigt Nachholbedarf
Insgesamt sind die HIV-Fallzahlen noch höher bei MSM als bei heterosexuell infizierten Menschen. Doch die Tendenz ist nicht so stark sinkend wie bei MSM. Besonders die Anzahl frischer Infektionen bleibt stabil bei knapp 50 Personen und könnte damit für 2019 erstmals höher zu liegen kommen als bei MSM. Die Ursachen dieser Infektionen sind nicht so genau bekannt. Allerdings sehen wir einen Rückgang bei heterosexuellen Frauen, nicht bei Männern. Tatsächlich wissen wir, dass einige als „heterosexuell“ eingestufte Männer tatsächlich auch Sex mit Männern haben, doch dies bei der Diagnosestellung aus verschiedenen Gründen verschweigen. Viele dieser Männer sind auch schlecht erreichbar für Präventionskampagnen, welche sich an gut informierte MSM richten. Wir können allerdings damit rechnen, dass mit einer guten Prävention im MSM Bereich längerfristig auch dieser Anteil der frischen Infektionen zurückgehen wird.
Unter heterosexuellen Menschen, insbesondere auch Frauen, ist ein grosser Anteil zu finden bei Personen, welche aus Hochprävalenz-Ländern stammen. Dabei erfolgen diese Infektionen nicht ausnahmslos im Hochprävalenz-Land. Das BAG vermutet basierend auf einer neuerern Studie, dass einige Infektionen bei diesen Personen auch in der Schweiz nach Einreise stattfinden. Das sexuelle Netzwerk dieser Personen ist auch hier oft noch vernetzt mit Personen aus Hochprävalenzländern. Somit ist es auch wichtig, dass wir in diesen Netzwerken die Prävention, insbesonder die Frühdiagnose und Therapie forcieren.


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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