27. Mai 2019

Viel hilft nicht immer viel

Durch eine präoperative Antibiotikaprophylaxe kann bei gewissen Operationen die Rate an postoperativen Wundinfekten gesenkt werden. In einer grossen retrospektiven Studie aus den USA, kürzlich publiziert im JAMA Surgery, wurden jetzt fast 80’000 Patienten analysiert, welche entweder eine herzchirurgische, vaskuläre, kolorektale oder eine orthopädische Intervention mit Protheseneinbau hatten. Die Studie hatte zum Ziel, das Auftreten von akutem Nierenversagen sowie von Clostridium difficile Infektionen in Abhängigkeit der Dauer der Antibiotikaprophylaxe (<24h, 24-48h, 48-72h, >72h) zu beschreiben.

Die Autoren konnten nach Kontrolle für verschiedene mögliche Confounder-Variablen (u.a. Alter, Diabetes, ASA-Score, Klinik) keinen Effekt der Dauer der Prophylaxe auf das Auftreten von postoperativen Infektionen nachweisen. Was aus den Daten aber klar ersichtlich wurde, war eine Zunahme des Auftretens von Nierenversagen sowie C. difficile mit Zunahme der Dauer der Prophylaxe. Hier das Beispiel für herzchirurgische Patienten:

Akutes Nierenversagen bei herzchirurgischen Patienten, stratifiziert nach Dauer der AB-Prophylaxe

Dieser Dosis-abhängige Effekt spricht trotz des retrospektiven Designs für einen kausalen Zusammenhang. Die number needed to harm (d.h. die Anzahl an Patienten, die behandelt werden müssen, um ein negatives Outcome zu provozieren) lag für das akute Nierenversagen bei 4, wenn die Prophylaxe länger als 72h gegeben wurde. Mit anderen Worten: bei jedem 4. Patienten, der länger als 72h Prophylaxe bekam, entwickelte sich ein Nierenversagen. Erwartungsgemäss trat Nierenversagen auch häufiger auf bei Verwendung von Vancomycin im Vergleich zu Beta-Laktamen.

Trotz einiger Limitationen (z.B. waren fast alle Teilnehmer Männer, da Veteranenspitäler involviert waren; ausserdem retrospektives Design) zeigt diese Studie sehr schön, dass der irrationale Einsatz von Antibiotika neben der Verschärfung der Resistenzproblematik auch unmittelbare negative Konsequenzen für den Patienten haben kann. Viel hilft also nicht immer viel!

 

 

 


Dr. med. Philipp Kohler

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