25. November 2018

Mykoplasmen – Geschlechtskrankheit oder nicht?

Mykoplasmen sind wie Chlamydien „unvollständige“ Bakterien, die für ihre Vermehrung Unterstützung von Zellen benötigen. Daher sind diese Bakterien nicht wie sonst üblich auf Nährböden anzurichten sondern brauchen aufwändige Kulturverfahren zur Anzüchtung. Daher ist es verständlich, dass diese Bakterien eigentlich erst in den letzten Jahren Dank Einsatz von Methoden zum Genomnachweis (z.B. PCR) einfach in klinischen Proben nachweisen lassen.

Nicht alle „STI“ Keime relevant
Neben zwei Mykoplasmen-Arten (M. genitalium, M. hominis) kennen wir auch zwei Ureaplasma-Arten (U. urealyticum, U. parvum) welche in Genitalsekreten gefunden werden. Doch die Bedeutung dieser selten untersuchten Erreger ist unklar. Da neuere Nachweismethoden nun alle genannten Keime zusätzlich zu den als Geschlechtskrankheiten (STI) bekannten Gonokokken, Chlamydien und Gardnerella vaginalis in einer Probe nachweisen, müssen wir uns vermehrt mit positiven Resultaten dieser möglicherweise irrelevanten Keimen auseinandersetzten.

Neuere Untersuchungen lassen vermuten, dass die beiden Ureaplasma-Arten im Genitaltrakt wohl unbedeutende Keime sind, da sie weit verbreitet sind und in der Regel keine Krankheitssymptome verursachen. Dasselbe scheint auch für M. hominis der Fall zu sein.

M. genitalium: ernst zu nehmen
Anders verhält es sich vermutlich mit M. genitalium. Neuere Studien lassen vermuten, dass der Keim tatsächlich auch als STI von Bedeutung sein könnte. So fanden Sonnenberg et al. in einer Untersuchung bei rund 4500 jungen, gesunden Menschen in England einen MG-positiven Befund bei 1.2%. Es zeigte sich, dass die Infektionsrate erst mit der Aufnahme der sexuellen Aktivität anstieg und dass man M. genitalium häufiger fand bei Personen, die mehr Sexualpartner hatten (Abb.).Die meisten waren symptomlos, Frauen berichteten teilweise über Blutungen nach dem Sex.

In einer anderen Untersuchung (Trent et al, 2018) zeigte sich, dass die Wahrscheinlichkeit eines M. genitalium Nachweises signifikant höher war, bei Personen, die auch über andere STI berichteten. Es scheint nun gut etabliert, dass M. genitalium tatsächlich eine STI ist, die ernst zu nehmen ist. Eine kürzlich publizierte Metaanalyse (Baumann 2018) lässt aber vermuten, dass M.genitalium vorwiegend bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) und bei Sexarbeiterinnen von Bedeutung sein dürfte.

Ernst nehmen müssen wir den Erreger auf jeden Fall. Wir wissen auch, dass der Erreger auch vermehrt Resistenzen gegen Antibiotika bildet. Unsicher sind wir bezüglich den Symptomen, welche M.genitalium auslösen können. Meistens verlaufen die Infektionen asymptomatisch. Inwieweit Infektionen auch zu PID (Infektionen des kleinen Beckens bei Frauen) und Unfruchtbarkeit führen können, ist umstritten. Bei Männern wird vermutet, dass der Keim auch eine Entzündung der Eichel (Balanitis) oder der Vorhaut (Postitis, resp. Balanopostitis) verursachen kann (Horner, 2011).  Auf jeden Fall können wir heute noch nicht sagen, dass Diagnose und Behandlung von asymptomatischen Trägern von M. genitalium zu einer Senkung von Spätfolgen führt. Aus diesem Grunde empfehlen wir im Moment bei symptomlosen sexuell aktiven Personen KEINE Durchführung einer Diagnostik für M. genitalium.

Ideales Vorgehen in Erarbeitung
Aufgrund der grossen Unsicherheit im Umgang mit M.genitalium und der raschen Zunahme von Resistenten Keimen wird zur Zeit in England an einer neuen Guideline gearbeitet (s. Editorial Hughes et al, 2018). Bis wir auch in der Schweiz Richtlinien zum Umgang mit dem Erreger haben, halten wir uns an folgende Leitlinien:

  • Kein Screening asymptomatischer Personen auf M. genitalium
  • Erreger suchen bei Symptomen wie Urethritis oder PID
  • Bei positivem Nachweis wenn immer möglich genetische Resistenztestung und gezielte antibiotische Therapie
  • Immer gleichzeitig Partner mitbehandeln

Sicher werden in den nächsten Jahren noch mehr Informationen zu dieser wenig beachteter STI hinzukommen. Wir bleiben dran…

Foto von AJC1

Foto von gigi murru


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza