2. September 2018

West-Nile: Im Westen nichts Neues. Oder doch?

Das West-Nile Fieber hat vor knapp 10 Jahren in den USA zu sehr viel Aufregung gesorgt. Eine Infektionskrankheit, die man bisher selten in Afrika und dem mittleren Osten beobachtete, trat plötzlich in New York auf und hat sich über wenige Monate in Nord-Amerika gegen Westen ausgebreitet. Die erste Erkrankung wurde 1937 in Uganda – im West-Nile distrikt – beobachtet, von dort der Name der Erkrankung (WHO). Später fand man, dass das West-Nile-Virus (WNV) vor allem im Nil-Delta bei Vögeln sehr verbreitet war ohne zu einer Erkrankung zu führen.

Nun plötzlich auch Aufregung in Europa. Das ECDC schlug vor einigen Wochen Alarm. Im Jahr 2016 wurden in Europa insgesamt 210 Fälle von West-Nile Fieber beobachtet. Insgesamt wenig. Die meisten Fälle heilten auch spontan ab. Doch in der Woche vom 17.-23. August wurden in Europäischen Ländern insgesamt 136 Fälle von West-Nile Fieber diagnostiziert. Gleichzeitig wurden auch Zahlreiche Fälle von WNV-Infektionen bei Pferden in Italien, Griechenland und der Slowakei entdeckt. Und in der vergangenen Woche (24.-30. Aug 18) wurden bereits 300 Fälle bei Menschen in Europa und 13 Ausbrüche bei Pferden beobachtet.

Das Virus wird von Mücken übertragen. Vögel galten als Reservoir. Offenbar können auch Pferde mit dem Virus krank werden. Gemäss dem ECDC-Report vom 1.9.18 wurde das WNV jetzt zum ersten Mal bei zwei Vögeln in Deutschland gefunden.

Ausbruch noch jung – Bedeutung unklar
Noch können wir anhand dieser Fallbeobachtung noch nichts sagen über die Bedeutung dieser Infektion. Wir wissen auch nicht, wie gut wir schon durch eine natürliche oder angeborene Immunität vor dieser Infektion geschützt sind. Es ist auch möglich, dass sich das Virus in den letzten Jahren verändert hat und deshalb jetzt schwerere Erkrankungssymptome verursacht. Sicher ist, dass sich das Virus in den letzten Jahren auch in Europa verbreitet hat. Sicher wichtig, dass wir das Krankheitsbild kennen.

Erkrankung meist harmlos – selten Hirnhautentzündung
Die meisten infizierten Personen haben jedoch gar keine Symptome nach einer Infektion. Etwa eine von fünf infizierten Personen wird Kranheitszeichen entwickeln. Das sind meist unspezifische Zeichen, wie Fieber, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskelschmerzen oder auch Übelkeit und Erbrechen. Auch ein Hautausschlag kann selten mal auftreten oder Lymphknoten-Schwellungen. Eigentlich einfach die klassischen Zeichen einer Virusinfektion. Sicher gut, wenn wir dann auch an WNV denken und eine Diagnostik machen (Bluttest). In der Regel heilt die Krankheit dann spontan ab. Selten – in ca. 1% der Infizierten – kommt es zu schweren Infektionen im Gehirn. Gegen die Erkrankung gibt es  kein Medikament und es ist auch noch keine Impfung verfügbar. In den USA wurde ein Impfstoff gegen WNV entwickelt, der in ersten Studien gute Resultate zeigte. Der Impfstoff ist aber noch nicht zur Vorsorge verfügbar.

Man weiss schon aus dem Ausbruch in den USA, dass vor allem Personen für diese schwere Verlaufsform gefährdet sind, welche eine sog. Delta32-Deletionsmutante im CCR5 Gen haben. Den CCR-5  Marker auf den weissen Blutzellen kennen wir von der HIV-Infektion: Denn das Virus benötigt diesen Oberflächenmarker um sich in die Zielzelle einzuschleusen. Menschen, welche die genannte Mutation im CCR-5 Gen haben, haben ein defektes CCR-5 Molekül auf diesen Zellen. Sie haben den Vorteil, dass Sie nicht mit HIV infiziert werden können. Aber – so zeigte sich bei mehreren Untersuchungen – auch den Nachteil, dass Ihre Zellen eine wichtige Abwehrfunktion von Virusinfektionen im Gehirn nicht richtig beherrschen.

Infektionen beim Pferd verhindern
Offenbar treten die Fälle beim Menschen gehäuft auf, wenn auch Ausbrüche bei Pferden beobachtet werden. Daher ist es wichtig, dass Pferde gut überwacht und Ausbrüche gemeldet werden. Für Pferde ist ein Impfstoff verfügbar. Möglich, dass man durch eine Impfung der Pferde auch die weitere Ausbreitung beim Menschen reduzieren könnte. Aber im Moment gilt es noch, diesen Ausbruch in Europa gut zu überwachen und mögliche Interventionen zu planen.

Nachtrag: Ein Seuchenexperte unter unseren Lesern weist uns allerdings darauf hin, dass die Impfung bei den Pferden kaum eine Übertragung auf den Menschen verhindern kann, was die Erfahrungen aus den USA zeigen. Es sind eben die Wild-Vögel, die das Reservoir für das Virus halten (vgl. auch Pressemitteilung FLI). Doch die Impfung beim Pferd kann die hohe Mortalität beim Pferd verhindern.


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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