5. Juli 2018

Therapieoption für eine „ausgestorbene“ Krankheit

Der Titel wird unsere Leser verwirren. Dennoch, es ist keine „fake news“. In der heutigen Ausgabe des NEJM haben Autoren des US Pharmaunternehmens SIGA-Technologies eine mögliche Therapie für Pocken vorgestellt. Pocken gilt seit 1976 als „eradiziert“. Das Virus, das nur Menschen befällt, ist dank der aktiven Impfkampagne im letzten Jahrhundert völlig verschwunden. Es gibt allerdings noch zwei Sicherheitslaboratorien, die das Virus aufbewahren, damit man im Notfall auch wieder einen Impfstoff herstellen könnte. Im „Notfall“ könnte aber auch eine Biowaffe daraus entstehen. Daher hat die US-Regierung die Entwicklung eines Medikamentes zur Post-Expositionsprophylaxe (oder Therapie) nach Pocken-Exposition gefördert.

Tecovirimat – verträglich und vermutlich auch wirksam
Natürlich ist es unmöglich, ein solches Medikament zu testen. Doch es existieren Pocken-ähnliche Viren bei Affen oder Nagetieren. So wurde ein Wirkstoff – Tecovirimat – entwickelt, der im Tiermodell diese Viren wirksam behandelt.

In der NEJM Nummer wurde jetzt eine Studie publiziert, welche das Medikament an fast 450 Freiwilligen auf seine Verträglichkeit getestet hat. Und die Resultate sind durchwegs positiv: Auch wenn fast die doppelte Dosis, welche im Affenmodell eine gute wirksamkeit zeigt, verwendet wurde, fanden sich unter Therapie mit dem Medikament keine nennenswerten Nebenwirkungen.

Gut zu wissen, doch wem nützt es?
Nun, es ist schön zu wissen, dass wir ein neues, vermutilch sogar wirksames antivirales Mittel haben. Die Theapie wird hoffentlich jedoch nie notwendig sein. Sollte das Pockenvirus in Umlauf gebracht werden, werden wir schauen müssen, wer die Substanz verfügbar hat.

Man vermutet, dass das Pocken-Virus den CCR-5 Chemokine-Rezeptor (Co-Rezeptor für HIV) für den Eintritt in die menschliche ZElle verwendet (Galvani, 2003). Wer weiss, vielleicht würde der als HIV-Medikament entwickelte CCR-5 Blocker Maraviroc im Notfall auch gegen Pocken schützen.

Foto von medicalmuseum


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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