12. Juli 2017

Primum non nocere – keine Antibiotika bei chronischer Lyme disease

Ohne Antibiotika wäre eine moderne Medizin nicht denkbar. Sie stellen den Eckpfeiler der Therapie lebensbedrohlicher bakterieller Infektionen dar. Allerdings können sie auch teilweise schwere Komplikationen hervorrufen, weshalb auf eine genaue Indikationsstellung zu achten ist. Während Antibiotika bei akuter Borreliose indiziert sind, führen Antibiotika bei „chronischer Borreliose“ zu keiner klinischen Besserung aber teilweise schweren Komplikationen. Die sogenannte „chronische Borreliose“ wird auch als „chronic Lyme disease“, „post-treatment Lyme disease syndrome“ oder „Post-Lyme Disease Syndrom“ bezeichnet. Alle beschreiben einen unspezifischen Symptomenkomplex, für den keine einheitliche Definition existiert. Das Krankheitsbild erinnert an das Chronic Fatigue Syndrom. Bislang konnte nicht gezeigt werden, dass nach einer adäquaten Antibiotikatherapie erneute Antibiotikabehandlungen wirksam sind. Trotzdem erhalten viele oft verzweifelte Patienten monatelange Antibiotika und dies häufig intravenös.

Nicht nur werden gelegentlich andere schwerwiegende Erkrankungen und auch Tumorerkrankungen verpasst. Auch kann die Antibiotikatherapie zu schweren Komplikationen führen. In einer kürzlich erschienen Publikation wurden nun 5 Patienten beschrieben.

  • Eine junge Frau Ende 30 mit Müdigkeit und Gelenkschmerzen erhielt eine Diagnose einer chronischen Lyme disease, Babesiose und Bartonelleninfektion. Trotz multiplen peroralen Antibiotikatherapien verschlechterten sich ihre Beschwerden. Sie bekam eine PICC (peripher eingelegten zentralen Venenkatheter) und es wurde eine iv Therapie mit Ceftriaxon und Cefotaxim begonnen. Während ihre Gelenkschmerzen persistierten, entwickelte sie einen Katheterinfekt und starb trotz maximalen Intensivmassnahmen an einem septischen Schock.
  • Bei einer Teenagerin mit jahrelangen Gelenk- und Muskelschmerzen wurde ein Chronic Fatigue Syndrom diagnostiziert. Eine Zweitmeinung bei einem Alternativmediziner ergab die Diagnose einer chronischen Borreliose. Sie erhielt 3 Monate lang orale Antibiotika bevor wegen erhöhter Leberwerte auf eine iv Antibiotikatherapie mit Ceftriaxon über eine PICC umgestellt wurde. Nach 5 Monaten ohne klinische Besserung wurden die Antibiotika schliesslich gestoppt. Die PICC aber blieb und 1 Woche später entwickelte sie einen Katheterinfekt, der zu einer mehrwöchigen Hospitalisation führte.
  • Eine Frau Ende 40 entwickelte nach zwei 4-wöchigen Antibiotikatherapien für eine Borreliose Müdigkeit und Konzentrationsprobleme, die zur Diagnose einer chronischen Borreliose führte. Sie erhielt über fast 12 Monate orale und intravenöse Antibiotika über einen tunnelierten Katheter ohne Besserung. Ein Jahr später wurden erneut Antibiotika gegeben. Dabei entwickelte sie einen Katheterinfekt und Osteodiszitis mit Pseudomonas aeruginosa.
  • Eine 50 jährige Frau entwickelte progrediente Schwäche. In der Annahme einer chronischen Borreliose wurden 7 Monate lang Antibiotika gegeben, die zu einer Antibiotika-induzierten Colitis mit Clostridium difficile führten. Die Colitis persistierte über 2 Jahre. Schliesslich wurde eine amyotrophe Lateralsklerose diagnostiziert.
  • Bei einer 60-jährigen Frau mit einer gemischten Kollagenose und Arthrose wurde eine chronische Lyme Neuropathie diagnostiziert, wofür sie über einen Port alle 3 Wochen iv Immunglobuline erhielt. Nach 10 jähriger Therapie entwickelte sie einen Portinfekt mit Staphylococcus aureus. Die neu eingelegte PICC infizierte sich ebenfalls mit S. aureus und sie entwickelte einen Paraspinalabszess.

Bei keinem der aufgeführten Patienten konnten mit diesen langen Antibiotikabehandlungen die initialen Beschwerden behoben werden!

Fazit:

Diese Kasuistiken illustrieren deutlich,

  • dass Antibiotika nicht zur Besserung der Symptome bei sog. chronischer Borreliose führen,
  • wie gefährlich nicht indizierte Antibiotika sein können,
  • vor allem wenn sie intravenös appliziert werden.

PD Dr. med Werner Albrich

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