13. Juni 2017

Chronic Fatigue – Endlich ein Labortest in Aussicht!

Das chronische Müdigkeitssyndrom, oder „Chronic fatigue Syndrome, CFS“ ist eine mühsame Krankheit. Mühsam für die Patienten, denn sie fühlen sich tagein tagaus wie jemand, bei dem eine Grippe im Anflug ist. Müde, die Glieder Schmerzen, der Bauch rumort. Mühsam ist die Krankheit auch für die behandelnden Ärzte: Wir erkennen, dass diese Patienten krank sind, haben aber keine Möglichkeit, dies mit objektivierbaren Angaben festzustellen. vielelicht findet man gelegentlich einmal etwas aktivierte Entzündungszeichen, doch dann ist schon bald mal alles. Sowohl die betroffenen Patienten als auch die behandelnden Ärzte haben Schwierigkeiten, diese Symptome weiteren Personen zu erklären. Und die Invalidenversicherung lehnt Anträge für Rentenleistungen systematisch ab, obwohl die betroffenen Menschen sehr gerne arbeiten würden, nichts lieber als das, es aber einfach nicht schaffen.

UnklareUrsache der Erkrankung
Leider wissen wir auch heute noch nicht, was die Ursache für die Erkrankung ist. Oft beginnt die Erkrankung nach einer klassichen, meist viralen Infektionskrankheit. Doch sowohl der Verlauf als auch die auslösende Infektion sind sehr variabel. Wir finden immer wieder Zeichen eines aktivierten Immunsystems. Es wird auch vermutet, dass eine Veränderung der Zusammensetzung der Darmbakterien (Mikrobiom) für die Erkrankung verantwortlich sein könnte. In Einzelfällen wird auch berichtet, dass eine Übertragung von Darmbakterien von einem gesunden Spender die Symptome lindern kann. Wir haben deshalb auch schon vermutet, dass eine Antibiotika-Therapie als Auslöser für eine Veränderung des Mikrobioms ursächlich mitspielen könnte. Doch wir sehen auch Patienten mit CFS, die keine Antibiotika eingenommen hatten.

Neuer Diagnostischer Test in Sicht
Eine Gruppe aus Kalifornien hat  eine neuartige Methode entwickelt, welche sich allenfalls zur objektivierbaren Diagnose eines CFS eignen könnte. Die Beobachtung, dass viele allgemeinen Körperfunktionen in einem aktivierten Zustand sind, hat die Autoren dazu bewogen, das Metabolom ins Visier zu nehmen. Im Gegensatz zum Genom, welches die Erbsubstanz umschreibt (Gene) betrifft eine Umschreibung des Metaboloms den Zustand der Stoffwechselprodukte. Solche Stoffwechselprodukte werden in verschiedenen Gesundheits- und Krankheitszuständen unterschiedlich aktiviert. Das Studium des Metaboloms weist somit einen Zustand verschiedener Stoffwechselaktivitäten nach.

Die Autoren haben Ihre Idee in einer relativ kleinen Gruppe von 45 CFS-Erkrankten und 39 gesunden Probanden untersucht. Sie haben das Metabolom untersucht. Sie fanden bei den Patienten eine grosse Reihe von Stoffwechselprodukten, welche typischerweise bei Stresszuständen (wie Infektionen) krankhaft verändert sind (meist reduziert). Interssanterweise konnten sie aber ein Set von 8 Metaboliten definieren, welche bei praktisch allen Patienten verändert waren. Auch wenn diese Faktoren nur 25% der gesamten individuellen Stoffwechselabnormitäten ausmachten, so genügten diese 8 Faktoren, um diese Patienten von gesunden Probanden zu unterscheiden.
ROC-Kurve
Wenn wir diagnostische Tests untersuchen, dann interessiert uns die Treffsicherheit der Tests in zweierlei Hinsicht: Wir wollen, dass der Test möglichst viele der Erkrankten richtig erkennt (Sensitivität) und gleichzeitig möchten wir auch möglichst wenig der Gesunden fälschlicherweise als krank diagnostizieren (Spezifität). Mit der ROC-Kurve gelingt es, diese Beiden Faktoren zusammen zu erfassen. Gemessen wird die Fläche unter einer Kurve, die Sensitivität gegen Spezifität für jedes erhaltene Messresultat aufzeigt. Diese ROC-Analyse haben die Autoren auch gemacht und fanden bei ihrer Analyse eine hervorragende Treffsicherheit des Tests. Mit einem Wert für die AUC von 90% belegt diese Testanalyse eine hervorragende Treffsicherheit für dieses Testverfahren.
CFS_Metabolom
Noch weitere Bestätigung notwendig
Diese Resultate sind sehr erfreulich. Bevor wir aber nun gleich einen Test einsetzen können, mit dem wir die Diagnose von CFS mit hoher Treffsicherheit stellen können, muss dieser Test noch mit einer weiteren Serie von Unteresuchungen bestätigt werden. Zunächst muss das Resultat nun in einer weiteren Kohorte wiederholt werden (Validierung). Dann müssen die Testverfahren noch soweit vereinfacht werden, das sie in einer Routinediagnostik zu vernünftigem Preis durchgeführt werden können. Doch immerhin zeigen die Resultate, dass wir bei CFS Patienten einen objektivierbaren pathologischen Stoffwechselzustand charakterisieren können.
Für die geplagten Patienten (und ihre Ärzte) ist dies schon einmal ein kleiner Durchbruch. Denn viele, zu viele, wurden bisher nur belächelt, nicht ernst genommen, oder als Simulanten abgetan. Offensichtlich zu Unrecht.
PS: Die zitierte Arbeit wurde im September 16 publiziert, doch sie ist meiner Aufmerksamkeit entgangen. Ich bedanke mich bei der Patientin, die mich auf die Arbeit aufmerksam gemacht hat.

Foto von Jorbasa


Prof. Dr. Pietro Vernazza