Neuer HIV-Test: Früher positiv?

In den deutschsprachigen Medien „geistern“ Nachrichten zu einem neuen HIV-Test. Dieser soll die Zeit bis zum Nachweis einer HIV-Infektion von 3 Monaten auf 6 Wochen verkürzen. Aber gibt es wirklich etwas Neues?

Das sogenannte diagnostische Fenster, die Zeit von der Infektion bis dass der HIV-Test erstmals positiv anzeigt, wurde vor knapp 30 Jahren mit 3 Monaten angegeben. Die Daten beruhten auf den Resultaten der HIV-Tests der ersten und zweiten Generation. In den Neunziger Jahren wurden die Test weiter entwickelt. Seit 17 Jahren arbeiten wir mit Tests der dritten und vierten Generation. Diese sind eindeutig empfindlicher geworden, sodass man die Frage des diagnostischen Fensters durchaus stellen mag. Doch es gab in den letzten 15 Jahren keine „Neuen“ Tests mehr.

Das Diagnostische Fenster ist sicher kürzer
Es besteht kein Zweifel, dass die Teste der 3. & 4. Generation die HIV-Infektion früher anzeigen. Allerdings hatten wir schon früher Zweifel, inwieweit die Grundlagen für die Aussage der 3 Monate zuverlässig waren. Vor fünf Jahren hatte sich eine Schweizer Expertengruppe damit befasst und war der Meinung, dass sehr viel dafür spricht, dass die Dauer des diagnostischen Fensters wohl kaum länger als 4-6 Wochens sei. Man hatte sich damals jedoch darauf geeinigt, die aktuell gültige „Kommunikationsregel“ der 3 Monate beizubehalten. Was sich bewährt hat, sollte nicht ohne guten Grund umgestossen werden. Doch damals schon hatten wir in unseren Beratungsgesprächen darauf hingewiesen, dass die 4-6 Wochen vermutlich als Faustregel genügen (s. anonymer HIV-Test).

Deutsche AIDS-Hilfe kommuniziert „neuen Test“
Schon vor 5 Jahren hatten die Franzosen eine Dauer des Diagnostischen Fensters von 6 Wochen kommuniziet, die Briten sogar noch kürzer: 4 Wochen. Tatsächlich wissen wir aus Erfahrung von Personen mit frischer Infektion bei bekanntem Infektionszeitpunkt, dass die meisten dieser Fälle 10 Tage bis 3 Wochen nach Infektion HIV-positiv wurden. Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) hat nun dieses Wissen so kommuniziert als wenn ein neues Testverfahren eingeführt worden wäre. Das ist nun aber definitiv nicht so!

HIV-Antigen-Komponente: Nichts Neues
In der DAH-Mitteilung wird davon gesprochen, dass die gleichzeitige Testung auf HIV-Antigen das diagnostische Fenster verkürzt hätten. Doch auch das ist nicht korrekt. Beim Antigen handelt es sich um einen Virusbestandteil, welches im Blut auftritt, noch bevor die Antikörper nachweisbar sind. Das ist aber typischerweise dann der Fall, wenn der Infizierte auch Symptome einer frischen Infektion hat. Dies sind aber gerade nicht die Fälle mit vermutetem langem diagnostischen Fenster.

Den Antigen-Teil im HIV-Test (sog. 4. Generation) haben wir in der Schweiz vor 16 Jahren an den grossen Zentren und seit über 10 Jahren flächendeckend eingeführt (BAG Bulleting Dezember 2006, siehe Das schweizerische Testkonzept). Somit ist auch daran nichts neu (s. auch BAG Bulletin November 2013, Das schweizerische HIV Testkonzept).

Problem nicht der Test, vielmehr die „Awareness“ einen HIV-Test durchzuführen
Kurz: es gibt nichts Neues bei der HIV-Testung, denn mit der aktuellen Testung können praktisch alle Fälle einer HIV-Infektion schon seit Jahren nach 4-6 Wochen diagnostiziert werden. Voraussetzung ist selbstverständlich, dass in dieser Zeit kein erneutes Risiko für eine Ansteckung (z.B. ungeschützter Sex) aufgetreten ist. Im Alltag bleibt das Problem aber weiterhin, dass viele ÄrztInnen bei den frühen Krankheitszeichen (HIV-Indikatorerkrankungen, BAG Bulletin Mai 2015, siehe PICT: Der HIV-Test auf Initiative des Arztes/der Ärztin) einer HIV-Infektion nicht daran denken, den HIV-Test durchzuführen. Damit bleibt auch die Chance, diese Infektion rasch zu behandeln leider ungenutzt.


Dr. med. Christian Kahlert

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