Bakterien als Ergänzung zur Meningokokken-Impfung?

Britische Wissenschaftler haben untersucht, ob sich durch die Anwendung von harmlosen Bakterien (Neisseria lactamica), „böse“ Schwesterbakterien (Neisseria meningitidis) dauerhaft aus dem Nasen-Rachenraum verdrängen lassen.

Enger Kontakte als Risikofaktor

Meningokokken (N. meningitidis) können v.a. bei Kindern im ersten Lebensjahr und wieder bei Jugendlichen (enge Kontakte) zu einem sehr schweren Krankheitsbild mit Blutvergiftung und Hirnhautentzündung führen. Ca. 10% der Kinder und Jugendliche sterben. Als Schutzmassnahme empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit je eine Impfung gegen Meningokokken in beiden Altersgruppen.

Impfung wirksam, aber wenig Einfluss auf Trägertum

Die Impfung führt zur Ausbildung von schützenden Antikörpern, beeinflusst aber kaum das Trägertum, d.h. die Häufigkeit, dass Meningokokken im Nasen-Rachenraum vorhanden sind, ohne dass eine Erkrankung auftritt. Dies betrifft fast jeden 4. Jugendlichen und ist verständlicherweise ein Risikofaktor für eine Übertragung.

N. lactamica verdrängt Meningokokken

310 britische Studenten haben freiwillig an dieser randomsierten und kontrollierten Studie teilgenommen (Deasy, 2015, CID). Sie erhielten Nasentropfen mit entweder N. lactamica (10 4 CFU = colony-forming units, challenge group) oder Kochsalz (control Group). Nach 26 Wochen wurden bei allen Probanden N. lactamica verabreicht (crossover bzw. reinoculation). Der Nachweis von N. lactamica oder Meningokokken mittels Rachenabstrich erfolgte zu den Zeitpunkten 0, 2, 4, 8, 16, 26 und 28 Wochen.

Wie in dieser Altersgruppe erwartet, zeigten sich zu Beginn der Studie fast bei jedem 4. Probanden Meningokokken. 1/3 der Probanden, die zu Beginn oder nach 26 Wochen N. lactamica erhielten, waren nach 2 Wochen Träger dieser Bakterien. Bei diesen und nur bei diesen wurde das Trägertum von Meningokokken von 24.2% auf 14.7% reduziert. Dieser Effekt hielt mindestens 16 Wochen an.

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Quelle: Deasy, 2015, CID

Bakterioprophylaxe kein neues Prinzip

Auch wenn der Effekt signifikant aber nicht umwerfend war, so war er doch hinsichtlich der Reduktion des Trägertums der Impfung klar überlegen und könnte als Ergänzung zur Impfung, aber auch nach Meningokokkenexposition hilfreich sein. Zudem wurden N. lactamica in der Studie nur 1 bis 2 mal verabreicht. Das Prinzip „gute Bakterien ersetzen, um böse zu verdrängen“ ist allerdings nicht neu und liegt eigentlich auch dem Probiotika-Gedanken zugrunde. Dennoch stösst diese Studie eine Türe zu ganz neuen Anwendungsbereichen, z.B. der Verdrängung von multiresistenten Bakterien auf.


Dr. med Christian Kahlert