Kleinkind von HIV geheilt. Ausserordentlich?

Zur Zeit erreichen uns von der diesjährigen CROI, der grössten US HIV-Konferenz in Atlanta, Schlagzeilen über ein Kind, das bei der Geburt mit HIV infiziert, später dann  aber geheilt wurde. Ist es ein Durchbruch?

Wir glauben nicht, dass es sich bei dieser "Heilung" um ein für uns neues Phänomen handelt. Neu ist, dass es ein Kleinkind trifft. Doch es ist und bleibt ein Glücksfall und unsere Aufgabe ist es, aus diesem Glücksfall einen häufigen Fall zu machen.

Worum geht es?
Ein Kind wurde bei der Geburt mit HIV infiziert. Das Behandlungsteam startete 30 Stunden nach der Geburt eine HIV-Therapie, wie dies auch bei uns üblich ist. Man weiss, dass man damit das Risiko einer Übertragung reduzieren kann (sog. PEP: Post-Expositions-Prophylaxe). Beim Kind wurde aber zum Zeitpunkt der Behandlung in drei verschiedenen Proben bereits Virus im Blut nachgewiesen. Somit war es für das Team klar, dass eine Infektion des Kindes stattgefunden hatte. Daher hat  man die begonnene PEP auch nach vier Wochen weitergeführt.

Und weshalb die Heilung?
Heute würde man ja eine Behandlung einfach bis auf Weiteres fortsetzen. Das hat  man auch der Mutter so empfohlen. Doch nach 18 Monaten kam die Mutter nicht mehr mit dem Kind in die Sprechstunde, so dass die weitere Therapie ausblieb. Als die Mutter dann sechs Monate später wieder in die Sprechstunde kam, fand sich beim Kind kein Virus mehr im Blut.

Was ist passiert?
Nun, was hier geschah, ist eigentlich keine ausserodentliche Beobachtung. Denn wir wissen, dass Menschen, die sehr, sehr früh, während der Infektionsphase der HIV-Infektion, mit einer Therapie beginnen, eine Chance haben, das Virus ganz los zu werden. Der Grund ist, dass zu diesem Zeitpunkt noch relativ wenig sogenannt "latent infizierte Zellen" mit HIV angesteckt sind. Diese Zellen sind das Reservoir in dem sich das Virus versteckt. Sobald man die Therapie absetzt, beginnen sie sich wieder zu vermehren. 

Tatsächlich wissen wir, dass dieses Reservoir während einer Therapie spontan kleiner wird. Die Zellen "sterben aus". Es ist also möglich, dass diese Zellen nach einer gewissen Zeit ganz verschwunden sind. Je früher  die Therapie einsetzt, desto früher kann man damit rechnen.

Bei diesem Kind war es genauso. Die Ärzte fanden, dass im Alter von 24 Monaten (6 Monate nach Therapiestopp) nur noch ganz wenig HIV-Virusinformation in den latent infizierten Zellen verborgen war (37 Kopien/1 Mio Zellen). Später noch weniger. Mit dieser kleinen Virusbelastung kam das Immunsystem offenbar zurecht. Oder die wenigen Viren waren defekt, nicht in der Lage, eine HIV-Infektion auszulösen. So ergab die Testung in der Zellkultur, dass sich die nachgewiesenen Viren nicht mehr replizieren konnten.
 
Kein Sonderfall
Diese Beobachtung ist zwar neu für ein Neugeborenes, doch bei Erwachsenen beobachten wir ähnliche Fälle immer und immer wieder (wir haben hier darüber berichtet). In einer grösseren Serie haben Kliniker aus Frankreich dieses Phänomen bei 5 von 32 Patienten beobachtet, bei denen die HIV-Therapie relativ früh (in den ersten 3 Monaten der Infektion) eingeleitet wurde (Hocqueloux et al, AIDS 2010). Und Lafeuillade hatte am letzten CROI (Abstract 358) in einer weiteren Serie ebenfalls von 2 "Heilungen" unter 12 Patienten (17%) berichtet. Diese Patienten waren ebenfalls früh und während mindestens 2 Jahren behandelt worden. Denn – und das haben die Französischen Autoren kürzlich auch erneut gezeigt – je früher man mit der Therapie beginnt, desto kleiner ist das Reservoir von latent infizierten Zellen (Hocqueloux et al, JAC 2013).

Wir können nur erneut wieder darauf aufmerksam machen: Keine Primoinfektion verpassen! Immer sofort mit einer Therapie beginnen, Therapie nicht absetzen, bevor man nicht unteresucht hat, ob eine Chance auf eine "Heilung" besteht. Und zur Erinnerung: HIV-Testung während der Schwangerschaft, spätestens kurz vor der Geburt. Solche Fälle sollten vermieden werden. In der Schweiz werden immer noch 30% (!) der schwangeren Frauen nicht getestet.

Quelle: Persaud et al, CROI 2013

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Prof. Dr. Pietro Vernazza

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