… denn sie wissen nicht, was sie tun

 

 

Wenn Antibiotika mehr schaden als nützen

Ausgangslage
Wir beraten praktisch täglich KollegInnen in Sachen Bakteriurie. Eine behandlungswürdige Harnwegsinfektion äussert sich mit entsprechenden Symptomen (Dysurie, Polakisurie, im Falle einer Aszension auch Fieber etc.). In der Regel haben Antibiotika bei asymptomatischen Bakteriurien keinen Platz. Leider ist es Alltag, dass viele PatientInnen in dieser Situation antimikrobiell therapiert werden. Gemäss gängiger Guideline (z.B. IDSA 2005) existieren lediglich 2 gesicherte Indikationen zur Behandlung einer asymptomatischen Bakteriurie: während der Schwangerschaft und vor urologischen Eingriffen.

Studiendesign
Mit der aktuellen Studie besteht eine Evidenz junge, gesunde, nicht schwangere Frauen (18-40a) mit asymptomatischer Bakteriurie nicht zu behandeln: prospektiv wurden aus 673 Frauen 2 Gruppen gebildet u.a. mit der Voraussetzung, in den vergangenen 12 Monaten mindestens an einer symptomatischen Harnwegsinfektion erkrankt und dagegen behandelt worden zu sein. Zum Zeitpunkt des Studieneinschlusses mussten alle Frauen eine asymptomatische Bakteriurie aufweisen. Gruppe A wurde nicht behandelt; Gruppe B wurde antibiotisch behandelt. Es erfolgten klinische und mikrobiologische Kontrollen 3, 6 und 12 Monate nach Studieneinschluss.

Resultate
Die meisten Frauen wiesen vorgängig mindestens 3 Harnwegsinfektionen pro Jahr auf. In beiden Gruppen wurden bei Studieneinschluss praktisch gleich häufig E. coli (um 39%) und Enterococcus faecalis (um 33%) isoliert. Mit fortschreitendem Beobachtungsintervall (ab dem 6. Monat) zeigte sich eine zunehmende Signifikanz vermehrter symptomatischer (!) Bakteriurien in der Gruppe B (antibiotisch Behandelte). In der letzten Follow-up-Untersuchung wiesen ca. 13% der Nicht-Behandelten (Gruppe A) und ca. 47% der Behandelten (Gruppe B) eine symptomatische Bakteriurie auf (p<0.0001). Eine Patientin der Gruppe A und 2 Patientinnen der Gruppe B entwickelten eine Pyelonephritis.

Diskussion
Es zeigte sich kein Vorteil (keine verhüteten Infektionen) in der Gruppe der Behandelten (Gruppe B). Im Gegenteil: nach der Behandlung einer asymptomatischen Bakteriurie bestand gem. multivariater Analyse ein 3-fach erhöhtes Risiko, an einer symptomatischen Harnwegsinfektion zu erkranken! Die Autoren diskutieren als Folge einer antibiotischen Therapie eine Dysbalance der Mikroflora mit entsprechend veränderter Kolonisationsflora, die aufgrund ihrer Eigenschaften und alterierter Interaktionsmechanismen (z.B. vaginal – intestinal) die Entstehung von Infektionen fördern können.

Unsere Schlussfolgerung
Es ist hinlänglich bekannt, dass ganz allgemein die korrekte Indikationsstellung des Antibiotikumeinsatzes epidemiologisch wesentlichen positiven Einfluss auf die Entstehung und die Selektion resistenter Keime (u.a. z.B. ESBL) hat. Die vorliegende Arbeit unterstreicht die physiologische Bedeutung einer intakten Mikroflora. Mit dieser Studie haben wir auf individueller Basis zusätzliche Argumente, um im infektiologischen Alltag weiter gegen unnötigen Antibiotikakonsum hinzuarbeiten.

Fazit für alle: eine asymptomatische Bakteriurie braucht kein Antibiotikum!

 

Quelle: Cai T et al, CID 2012