Raltegravir kassenzulässig in allen Indikationen, aber der Preis verhindert grossflächigen Einsatz

Am 1.5.10 hat das Bundesamt für Gesundheit den neuen Preis von Raltegravir (Isentress) festgelegt. Damit ist der Weg offen für den Einsatz der Substanz als “first-line” Therapie. Durchbruch oder nicht?

Mit Raltegravir hat die Firma Merck eine hervorragende neue Substanz zur Behandlung der HIV-Infektion auf den Markt gebracht. Es handelt sich um den ersten Hemmer der HIV-Integrase, einem Enzym des HIV-Virus, welches dafür verantwortlich ist, dass die Virus-Erbstubstanz aus dem Zellplasma in den Zellkern transportiert und dort in die körpereigene Erbsubstanz (DNA) eingeschleusst (integriert) wird.

Die Firma Merck hat zweifelsfrei mit dieser Substanz nicht nur die Möglichkeiten zur HIV-Therapie bedeutsam erweitert, die Forschergruppe bei Merck war auch verantwortlich für wesentliche Grundlagenforschung, welche den Prozess der HIV-Integrase beleuchtet hat. Erst diese Grundlagen haben den Durchbruch in der Entwicklung dieses und weiterer Integrase-Hemmer ermöglicht. Raltegravir ist sicher ein Medikament, welches durch seine gute Verträglichkeit heraussticht.

Zwar haben neue Substanzen immer den “Ruf” von guter Verträglichkeit, weil die Erfahrung für das Erkennen von seltenen oder spät auftretenden Nebenwirkungen noch fehlt, doch verdient Raltegravir diesbezüglcih seinen guten Ruf. Die Probleme der Substanz liegen ganz woanders: Erstens ist die zweimal tägliche Tabletteneinnahme ein Wermutstropfen in der heutigen Zeit, wo eine HIV-Therapie praktisch immer einmal täglich eingenommen werden kann. Doch laufende Studien könnten schon im nächsten Frühling demonstrieren, dass auch eine einmal tägliche Einnahme gut funktioniert. Viel schwieriger, und schlechter zu beeinflussen, ist der hohe Preis. Die Substanz hat mit Monatskosten von 1200.- CHF immer noch die Schallgrenze überschritten. Wenn wir mit der heute günstigsten Alternative vergleichen (Nevirapine, ViramuneR) so müssen wir klar anerkennen, dass der Unterschied im Preis kaum zu rechtfertigen ist. Eine Therapie mit Raltegravir ist pro Jahr um gut 10’000.- Franken teurer als eine Behandlungskombination mit Viramune. Wenn man bedenkt, dass eine HIV-Therapie für Jahrzehnte geplant wird, so stellt sich schon die Frage, wie ein solcher Preis-Unterschied zu rechtfertigen sei. In der Tat ist eine Behandlung mit Nevirapin kein einfaches Unterfangen. In den ersten Wochen einer Umstellung muss die Leberverträglichkeit sehr gut überwacht werden. Bei knapp 20% der Behandelten muss die Therapie wieder umgestellt werden. Doch für die 80%, welche die Therapie sehr gut vertragen, ist der Nevirapine-Standard ein hervorragendes Medikament, welches durch eine ausgezeichnete Langzeitverträglichkeit und grosse Erfahrung mit der Substanz besticht.

Die Entwicklung wird zeigen, wo Raltegravir längerfristig einzusetzen ist. Aber wird bedauern den hohen Preis der Substanz, und können im heutigen Umfeld der grossen Kostenbelastung im Gesundheitswesen die Substanz nicht ohne Blick auf die Kosten empfehlen. Ein Preis, der das Medikament klar zum Reserverstandard machen muss. Alles andere wäre verantwortungslos gegenüber dem Krankenkasse-Prämienzahler.

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Prof. Dr. Pietro Vernazza

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