Aktuelle Lage Mexikanische Grippe – 16. Juli 2009

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Die pandemische A/H1N1v Grippe ist da – doch was nun? In den Medien geistern die verschiedensten Aussagen über die Gefährlichkeit der Grippe, doch leider sind die meisten falsch. Was wird uns also erwarten? Hier der Versuch, die Vorhersage des weiteren Pandemieverlaufs mit Fakten zu untermauern (und damit der medial vorherrschenden Missinformation entgegenzuwirken).

 

 

Veränderungen der epidemiologische Lage in der Schweiz
Es sollte nun allen klar sein: das A/H1N1v-Influenzavirus gibt es auch bei uns und die Pandemie wird auch uns erfassen. Es soll schon hier vorangestellt werden, dass auch wir nicht wissen, wann dies sein wird, und eine Vorhersage des genauen Datums unmöglich ist. Untenstehende Grafik liefert den Beweis: zur Abwechslung konzentrieren wir uns heute ausschliesslich auf die epidemiologischen Daten der Schweiz, Balken stellen die Anzahl der neu bestätigten A/H1N1v-Fälle pro Woche dar (blau), die rote Linie die kummulative Anzahl der in der Schweiz bestätigten Fälle; *(Woche 29) = Fälle bis 16.07.09 08:00 Uhr.

H1N1_Fall_CH.jpg

Aufgrund der fast explosionsartigen Ausbreitung des A/H1N1v-Virus in den letzten 3 Wochen ist offensichtlich, dass der Vormarsch der A/H1N1v-Grippe in der Schweiz nicht mehr gestoppt werden kann. Wie das BAG daher letzte Woche mitgeteilt hat, ist auch die Schweiz in Abstimmung mit den anderen Ländern Europas dazu übergegangen, nicht mehr jeden einzelnen A/H1N1v-Fall zu bestätigen, und das Ziel kann nicht mehr sein, die A/H1N1v-Ausbreitung einzudämmen (denn A/H1N1v ist schon da!), sondern besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen vor Komplikationen zu schützen und das Funktionieren des Gesundheitssystems zu gewährleisten. Diese Strategie beinnhaltet aber auch, dass obenstehende Grafik nicht mehr das reale Bild wiedergibt, da mehr Menschen an A/H1N1v erkrankt sind als im Labor bestätigt werden (daher auch der vermeintliche Abfall an Neumeldungen).

Es ist Pandemie! Wie gefährlich ist A/H1N1v denn nun wirklich?

Es scheint die vorherrschende Meinung zu sein, dass das A/H1N1v-Virus nicht gar so gefährlich sei und eine kleine Grippe ja nicht weiter schaden könne – warum also all das Aufsehen um die Pandemie? Da – wie oben ausgeführt – die Pandemie sicher kommen wird, stellt sich nun die Frage, wie gefährlich das pandemische A/H1N1v-Virus ist. Vorweggenommen: wir wissen es auch nicht mit absoluter Sicherheit. Doch einige Publikationen in renommierten Fachzeitschriften geben Hinweise auf die Gefährlichkeit des Virus.

Fast zeitgleich erschienen im Nature und im NEJM Artikel, welche den Ursprung des A/H1N1v nochmals beleuchten – mit einem überraschenden Resultat: das A/H1N1v-Virus trägt Gensegmente, die nahe mit dem pandemischen A/H1N1-Influenzastamm verwandt sind, welcher 1918/19 die Spanische Grippe verursachte, der weltweit über 50 Millionen zum Opfer fielen. Dieser Stamm persitierte seither im Reservoir "Schwein" und passte sich diesem durch genetic drift an, sodass es für den Menschen trotz sporadischer Übertragungen nicht übermässig gefährlich war (den Viren fehlte bislang die Fähigkeit der effizienten Mensch-Mensch Übertragung). Neben den nahe mit dem A/H1N1-Virus von 1918 verwandten Gensegmente ist das A/H1N1v-Virus ein Reassortment aus weiteren porcinen und aviären Gensegmenten, und nur weinge Genabschnitte stammen vom "saisonalen" humanen A/H3N2 Virus. Für die genauen Zusammenhänge des Gen-Reassortements verweisen wir auf das sehr gute dazugehörige Editorial im NEJM.

Dies lässt einen ersten wichtigen Schluss zu: unser Immunsystem "kennt" das A/H1N1v-Virus (noch) nicht, und alle Menschen sind für das Virus anfällig. Dies wird sich in der Fallzahl wiederspiegeln, welche deutlich höher sein wird als bei einer saisonalen Grippe – mit allen Konsequenzen für die Wirtschaft und die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Gesundheitssystems.

Dass dieses Gen-Reassortment auch eine klinische Relevanz hat, zeigt eine Arbeit im Nature: in Japan hatten Patienten, welche vor 1920 geboren worden waren, nachweisbare Antikörper, welche eine Kreuzreaktion mit dem neuen (alten) A/H1N1v-Virusstamm zeigen. Später geborene zeigen diese Kreuzimmunität nicht. Das gleiche Phänomen wurde bereits im MMWR beschrieben (wir berichteten), und daraus erklärt sich zum Teil, warum durch das A/H1N1v-Virus vor allem junge Menschen betroffen sind.

Erwähnter Artikel im Nature lässt weiter aufhorchen: die japanische Forschergruppe untersuchte auch die Übertragbarkeit und die Virusvermehrungsfähigkeit (Replikation) in verschiedenen Tiermodellen. Sie verglichen dabei das A/H1N1v- mit einem saisonalen A/H1N1-Influenzavirus. Zwei Resultate geben Anöass zur Beuruhigung:

  • Das A/H1N1v- wurde leichter übertragen als das saisonale A/H1N1-Virus, und
  • Das A/H1N1v-Virus vermehrte sich rascher und v.a. auch in der Lunge, wo es grösseren Schaden anrichtete, verglichen mit dem "saisonalen" A/H1N1-Virus.

Auch wenn wir mit potentiellen Kritikern übereinstimmen, dass Resultate aus einem Tiermodell nicht ohne Vorbehalt auf den Menschen übertragen werden können, so wiederspiegeln diese Resultate die klinischen und epidemiologischen Beobachtungen: das Virus verbreitet sich über die Erwartungen rasch und global, auch in Regionen, in denen aufgrund der aktuellen klimatischen Bedingungen eine Übertragung normalerwiese erschwert sit (wie z.B. im Sommer in der Schweiz), und es treten – zugegebenermassen meist bei Patineten mit Vorerkrankungen – mehr schwere Verläufe mit Lungeentzündung auf, als dies bei der saisonalen Grippe erwartet würde.

Na und! Und nun?

Das A/H1N1v-Virtus ist nicht einfach ein weiteres Grippevirus, mit dem wir uns herumschlagen müssen (medial und in real life). Auch wenn das Virus wohl keine Pandemie im Ausmass der Spanischen Grippe ausklösen dürfte, ist es KEINE einfache Grippe! In einer "normalen" Grippesaison sterben nicht vorwiegend junge Menschen, auch nicht Schwangere, wie dies bei der A/H1N1v-Grippe der Fall ist – neben den experimentellen daten eindeutige Hinweise darauf, dass mit dem A/H1N1v-Virus nicht zu spassen ist.

Und wem es noch nicht "Sturm" im Kopf ist nach all dem obeigen Re- und Re-Re-Assortment von humanen/aviären/porcinen Gensegmenten, dem sei noch gesagt, dass dies noch kommen kann, denn:

The only thing certain about influenza viruses is that nothing is certain.

 

Weitere Informationen zu Fallzahlen und Lagebeurteilung einzelner Behörden, sowie Links zu den Quellen der in diesem Artikel verwendeten Angaben:

Weitere Informationen:


Dr. med. Matthias Hoffmann

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