HIV und älter werden: Die Kehrseite der Medaille

Die Erfolge der HIV-Therapie sind ein Segen für die von HIV betroffenen
Menschen. Doch mit der verlängerten, annähernd normalisierten
Lebenserwartung kommen neue Fragen des Älter werden auf Betroffene und
deren Betreuer zu.


Steven Deeks und Adrew Philipps haben in einer aufwändigen Literaturübersicht die mannigfachen Probleme der älter werdenden Menschen mit HIV Infektion zusammengefasst. Dabei sieht man, dass die klassichen HIV-assozierten Erkrankungen deutlich am Verschwinden sind, doch es stellen sich neue Fragen, welche entweder mit möglichen Lanzgzeit-Nebenwirkungen der Therapie oder mit den Folgen der HIV-Infektion selbst zu tun haben könnten.

Die Autoren behandeln in ihrer Übersicht folgende Themenkreise:

  • Folgen der unbehandelten HIV-Infektion auf Herz-Kreislauf-/Nieren-/Lebererkrankungen (alle drei treten gehäuft auf, alleine aufgrund der HIV-Infektion)
  • Effekt der HIV-Therapie auf Lebenserwartung („Normalisierung“ vermutlich nur wenn Therapie rechtzeitig eingesetzt und CD4 Werte sich vollständig erhole)
  • Rolle von tiefen CD4-Werten unter einer HIV-Therapie (auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind häufiger, wenn sich CD4-Werte unter Therapie nicht auf normalwerten stabilisieren, aber ein Drittel der Behandelten, welche die Therapie mit CD4 unter 200 angefangen hatten, wird selbst nach 10 Jahren keine normalen CD4 Werte erreichen)
  • Welche nicht HIV-assozierten Erkrankungen werden gehäuft beobachtet? (Herz- und Hirninfarkt, allerdings deutlich seltener unter Therapie, Krebs, und zwar verschiedene Formen inklusive Lymphome, Lungen-, Prostata- Darmkrebs und  Nieren- und Lebererkrankungen, letztere vor allem wegen Hepatitis-Infektionen, aber auch andere Erkrankungen sind gehäuft, so z.B. pulm. Hypertonie, Osteoporose, neurologische Erkrankungen und auch die Alterung des Immunsystems infolge der HIV-Infektion lässt sich meist auch mit Therapie nicht mehr rückgängig machen)
  • Gründe für die erhöhte Morbidität (vermutlich weitgehend wegen persistierender Aktivierung des Immunsystems)
  • Konsequenzen für das korrekte HIV-Management

Gerade der letzte Punkt verdient unsere Aufmerksamkeit. Die Konsequenzen aus diesen zahlreichen Daten für die HIV-Behandlung könnte man wie folgt zusammenfassen:

  1. Die HIV-Therapie sollte frühzeitig eingesetzt werden. Sicher bevor die CD4 Zahl unter 350 fällt, doch es ist wahrscheinlich, dass der Nutzen schon sehr früh einsetzt, auch bei CD4-Werten über 500. Dazu kommt, dass eine Behandlung während der Primoinfektion vermutlich sogar die Zerstörung des Immunsystems des Darmes (MALT: mucosa associated lymphoid tissue) verhindern kann.
  2. Das erhöhte Komplikationsrisiko sollte uns dazu zwingen, schon frühzeitig nach Komplikationen zu suchen und diese zu verhindern (z.b. Calzium/Vit-D Substitution, Überwachung der Nierenfunktion, der kardiovaskulären Risikofaktoren, Karzinome, etc.).
  3. Die komplexen HIV-Therapien mit möglichen Interaktionen fordern eine lebenslange Kontrolle aller Komedikationen, am besten unterstützt durch Internet oder Handheld-basierte Applikationen.

Insgesamt ein sehr lesenswerter Review für interessierte Personen.

Quelle: Deeks & Philipps, BMJ 2009;338:a3172


Prof. Dr. Pietro Vernazza

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