Erklärung für schlechte CD4 Erholung unter HIV-Therapie gefunden?

In der Regel führ eine HIV-Therapie zum raschen Abfall der HIV-Virusvermehrung im Blut. Als Folge davon kommt es anfangs zum raschen, dann zum langsam kontinuierlichen Anstieg der CD4 (Helfer-) Zellen. Bei ca. 10% der Behandelten erholen sich die CD4 Zellen nur sehr schleppen oder gar nicht.

Eine kleine Arbeit in der neusten Ausgabe von AIDS hat einen möglichen Mechanismus für diese Beobachtung vorgeschlagen. Die Autoren postulieren, dass eine unspezifische Immunaktivierung für dieses Phänomen verantwortlich ist. Tatsächlich gibt es sehr viele Argumente, welche die Hypothese der Autoren stützen.

CD4-Zerstörung ist nicht Folge der Virusvermehrung
Im Verlaufe der letzten 2-4 Jahre wurden immer mehr Arbeiten publiziert, welche zeigen, dass es nicht die Virusvermehrung in den CD4 Zellen ist, welche diese zerstört. Wir kennen nämlich eine der HIV-Infektion sehr ähnliche Infektion mit dem SIV bei bestimmten Affenarten (sooty mangaby), bei welchen die Virusvermehrung nicht zur Zerstörung der CD4 Zellen führt (s. auch die Zusammenfassung vom WAC Mexico). Vielmehr wissen wir heute, dass es die Immunaktivierung (eine Folge der Virusvermehrung) ist, welche den CD4-Zellschaden anrichtet.

Intestinale Immunabwehr
Eine neuere Hypothese (s. auch unseren Bericht) geht auch davon aus, dass es die intestinale Immunabwehr ist, welche für die chronische Immunaktivierung bei HIV verantwortlich sei. Wir wissen, dass während einer akuten HIV-Infektion das gesamte intestinale Immunsystem weitgehend zerstört wird. Dadurch – so vermutet man – wird der Darm durchlässig für Mikroorganismen, insbesondere gramnegative Bakterien. Diese Bakterien bringen Lipopolysaccharide (LPS) in die Blutbahn. Diese LPS sind ein starker Stimulus für das Immunsystem. Dieses wehr sich durch eine breite Mobilisation und Aktivierung von Immunzellen.

LPS als mögliche Ursache der Immunaktivierung
Nun haben die Autoren aus Norditalien im Plasma von HIV infizierten Personen LPS gemessen. Dabei fiel auf, dass Patienten mit voll supprimierter Viruslast (full responders=FR) deutlich weniger LPS im Blut aufweisen als Patienten, welche keinen genügenden CD4-Anstieg aufwiesen (INR= immunologic non-responders). Die Gruppe der INR hatte fast ebendso viel LPS im Blut wie diejenigen mit unbehandelter fortgeschrittener HIV-Infektion.

Die Autoren haben weiter noch die quelle der LPS untersucht und mittels DNA-PCR in fünf von 7 INR gramnegative Keime im Blut nachgewiesen (und keine bei den FR). Die Autoren haben ihre Hypothese noch mit dem Nachweis zahlreicher Aktivitätsmarker unterstützt. Sicher eine lesenswerte Arbeit.

Quelle: Marchetti et al, AIDS 1.10.08, 22:2035


Prof. Dr. Pietro Vernazza

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