Reisen als Risiko

Reiseberatung: Der Ratschlag des Hausarztes ist in der Reisevorbereitung gefragt. Die Beratung zu Infektionen und anderen Risiken unterwegs ist nicht ganz trivial.

Prof. Christoph Hatz, Tropeninstitut in Basel/ 28. Februar 2008
*deutsch

Professor Hatz vom Tropeninstitut Basel erläutert sehr anschaulich die Risiken auf Reisen. Die Risikoperzeption der Reisenden ist nicht immer gleich dem objektiven Risiko.

Hauptrisiken auf Reisen
Ein viel höheres Risiko als Infektionen sind Verkehrsunfälle, die in 1.8% der Reisenden vorkommen. Dies sollte in der Reisemedizinischen Beratung thematisiert werden. Die Empfehlung ist deshalb: Sicherheitsgurte oder Helm tragen, und man sollte Vorsicht walten lassen bei öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Haupttodesursachen auf Reisen sind mit 49% Herzkreislaufkrankheiten. Die zweithäufigste Todesursache sind Unfälle (22%). Infektionskrankheiten sind mit 1% zu einem viel kleineren Anteil tödlich, können aber zum Teil durch eine Impfung verhindert werden.

Sexualkontakte als Risiko-nicht nur bei Sextouristen
Flüchtige Sexualkontakte im Gastland sind häufig nicht geplant. Studien haben gezeigt, dass 1/3 der Personen keine Kondome verwenden, obwohl sie sich zu einem grossen Teil dem Risiko bewusst sind (Gründe: in 28% spielt Alkoholeinfluss eine Rolle, 21% haben keine Kondome dabei, nur 21% haben kein Risikobewusstsein). Grundsätzlich sollte dies in einer reisemedizinischen Beratung angesprochen werden, wobei dies in der Praxis nicht immer einfach ist.

Impfungen – Allgemeines
Ziel ist eine individuelle Risikoabschätzung bezüglich der Häufigkeit und des Schweregrades der Erkrankung. Die sich ständig ändernde Epidemiologie muss ebenfalls berücksichtigt werden.

Hepatitis A
Die Hepatitis A ist keine ungefährliche Erkrankung, die Letalität steigt mit höherem Alter bis 4%, weshalb die Impfung für Endemiegebiete (dazu gehören auch südeuropäische Länder) empfohlen wird.

Tollwut
Die Tollwut ist primär eine Krankheit von Tieren (Zoonose). In der Schweiz gibt es keine terrestrische Tollwut, bei Fledermäusen wurde sie jedoch im September 2002 letztmals in Genf nachgewiesen (insgesamt dreimal). In Asien kommt die Tollwut beim Fuchs und Hund vor, in Amerika bei Waschbären und Stinktieren. Weiter findet man sie bei Affen, Fledermäusen (in Brasilien und Kolumbien sind fast alle Todesfälle darauf zurückzuführen). Allgemein gilt, dass eine ausgebrochene Tollwut (fast) immer tödlich ist.
Das Tollwutrisiko ist offensichtlich sehr viel kleiner als das eines Verkehrsunfalls, aber 2% aller Langzeitaufenthaltern erleiden eine potenzielle Tollwutexposition. (Klein-)Kinder und Zweiradfahrer sind speziell gefährdet. Es sollte das Risikobewusstsein geschärft werden und Tierkontakte gemieden werden. Nach Kontakt sollten Wundmanagement und Impfung durchgeführt werden.

Tollwutmanagement
Präexpositionell

• Impfung (Tage 0, 7,21) bei Risikoreisen (+ Tag 365) und bei Langzeitaufenthaltern (> 3 Mte) Trotzdem nach Exposition zusätzlich 2 Impfungen mit 3 Tagen Abstand
Postexpositionelles Management:
• Wundreinigung mit Wasser und Seife
• Human IG: 20mg/kg, um Wunde herum + i.m. (nicht geben, falls prä-expositionell geimpft)
• Aktivimpfung: 1 ml i.m. an den Tagen 0,3,7,14,28 (an den Tagen 0 und 3 bei prä-expositionell Geimpften; Impfungen austauschbar). Antikörperbestimmung am Tag 21

Poliomyelitis
Sie war vor einigen Jahren in Afrika praktisch eradiziert. Als plötzlich das Gerücht kursierte, dass die Impfung steril mache, wurde deutlich weniger geimpft und es kam erneut zu einem Ausbruch. Eine Auffrischimpfung ist somit für Afrika wieder nötig.

Japanische Encephalitis
Wann sollte eine Impfung gegen Japanische Encephalitis (JE) durchgeführt werden?
Bei Reisen nach Südostasien, China, Indien, bei Uebernachtung in ländlichen Gebieten (nachts durch Mücken übertragen), speziell während der Monsunzeit und bei Aufenthalt in landwirtschaftlich genutzten Gebieten (Reisanbau und Viehzucht) über vier Wochen, bei Epidemien über 2 Wochen.
Risiko einer Japanischen Encephalitis
1.1 Fälle weltweit pro Jahr bei Reisenden und Langzeitaufenthaltern. Trotz der tiefen JE-Durchimpfung bei Reisenden wurde bis dato kein Fall von Japanischer Enzephalitis bei Schweizer Reisenden beobachtet.

Impfung gegen saisonale Grippe/Influenza
Wird empfohlen bei Reisenden älter als 65 Jahre, bei Grunderkrankungen und kleinen Kinder, sowie Kreuzfahrte und langen Flugreisen. Sollte weltweit, jeweils im Winter durchgeführt werden. Die Grippe ist die häufigste durch Impfung vermeidbare Krankheit!

Masern/Mumps/Röteln
Es gibt eine anekdotische Häufung von importierten Masernfällen in der Schweiz. Es werden zwei trivalente Impfdosen empfohlen.

Malaria

Wichtig sind Massnahmen gegen Mückenstiche in Kombination mit medikamentöser Prophylaxe oder Notfallselbsttherapie.

Notfallselbsttherapie in deutschsprachigen Ländern
In Gebieten mit mittlerem oder geringem Malariarisiko, wo überwiegend Mefloquin-sensible Falciparum-Malariastämme vorkommen, wird Artemether/Lumefantrin (Riamet®), Atovaquon/Proguanil (Malarone®) oder Mefloquin (Mephaquin®, Lariam®) empfohlen.

Instruktion zur Verwendung der Notfallselbsttherapie in deutschsprachigen Ländern
1. Bei axillär gemessenem (plötzlich auftretendem oder rasch ansteigendem) Fieber > 37,5°C (oral, tympanal oder rektal gemessen: > 38° C) sollte ein Arzt aufgesucht werden, um mittels einer Blutuntersuchung eine Malaria auszuschliessen. Ein funktionierendes Thermometer ist in den Tropen unverzichtbar.
2. Falls ärztlicher Rat nicht innerhalb von 24 h eingeholt werden kann, und die Reisenden
3. seit mindestens 6 Tagen im Endemiegebiet sind, soll
4. das Fieber gesenkt werden, und anschliessend
5. das Malaria-Medikament mit genügend Flüssigkeit eingenommen werden.
6. Nach der Einnahme des Medikaments soll in jedem Fall noch im Aufenthaltsland ein Arzt konsultiert werden.

ABC der Malariaberatung
A: Abends/nachts Anophelesstiche verhindern
B: Bewusstsein, dass während Reise im Endemiegebiet eine Malariarisiko besteht
C: Compliance bei der Einnahme der Chemo-prophylaxe (=medikamentöse Prophylaxe) zur Verhinderung eines Malariaausbruchs
D: Rasche Diagnose und delegierte Notfallselbst-behandlung in Mittel/Nieder-Risikogebieten

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Den Vortrags von Prof. Christoph Hatz (pdf-file) finden Sie hier

Dr. med Christine Dubas Bamert

Über Dr. med Christine Dubas Bamert

Rotationsassistentin

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