Unvollständige Adherence – ein wichtiges Konzept

Mit Adherence bezeichnen wir das Ausmass der vollständigen Tabletteneinnahme gemessen an der empfohlenen Menge. Bei der HIV-Therapie ist dies besonders wichtig, wenn die Therapie aus mehreren Komponenten besteht. Wenig beachtet war bisher die differentielle Adherence, d.h. wenn nur ein Teil der Substanzen nicht  eingenommen wird.

In einer Retrospektiven Analyse der Daten der First Study wurde die Frage der Differentiellen Adherence speziell untersucht. Bei der FIRST Study (MacArthur et al, Lancet 2006) handelte es sich um eine grosse randomisierte Langzeitstudie (6 Jahre!), welche drei verschiedene Strategien des Therapiestarts gegeneinander verglich:

  • PI-basierte Strategie
  • NNRTI-basierte Strategie
  • Drei-Klassen Strategie (NNRTI+NRTI+PI)

Die First Studie zeigte klar, dass die drei-klassen-Strategie den beiden anderen unterlegen war. Es kam signifikant häufiger zum Therapieabbruch infolge Nebenwirkungen. In dieser Studie wurden die Patienten regelmässig über ihre Adherence befragt. Es handelte sich um sog. Self-Assessment, aber speziell war, dass auch erfasst wurde, wenn nur ein Teil der Substanzen korrekt eingenommen wurde.

Dieses sogenannte differentielle Adherenceverhalten zeigt nun grosse Unterschiede zwischen den drei Gruppen (Abb). Deutlich mehr Patienten in der Drei-Klassen-Gruppe gaben an, einen Teil der Medikamente unregelmässig eingenommen zu haben. Dieses Verhalten ist eindeutig mit einer gehäuften Entwicklung von Resistenzen assoziiert. Patienten, welche wiederholt über ein differentielles Adherenceproblem berichtet haben, hatten ein signifikant höheres Risiko, in der Folge ein Therapieversagen und auch eine Resistenzbildung zu entwickeln.

Diese Studie zeigt einmal mehr den deutlichen Zusammenhang zwischen Adherence und Resistenzbildung, selbst bei den modernen, einfachen Therapiekonzepten. Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder vor Augen führen, wie wichtig die regelmässige Einnahe von HIV-Medikamenten ist. Was heute für HIV gilt, gilt eigentlich auch für weitere chronische Infektionskrankheiten, welche in Zukunft immer häufiger mit antiviralen Medikamenten behandelt werden (Hepatitis B, Hepatitis C).

Quelle: MacArthur et al, AIDS 2008, 22:75–82


Prof. Dr. med. Pietro Vernazza

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