HIV Therapie: Früher Beginn bewahrt Immunantwort

Wie lange soll man eine HIV-Therapie hinauszögern. Eine neue Studie spricht wieder eher für einen sehr frühen Therapiebeginn. Wir bleiben dran….

HIV-Therapie: das Pendel schlägt zurück:
Als vor 10 Jahren die ersten Erfolge der HIV-Kombinationstherapie (HAART) bekannt wurden, haben wir die Indikationsstellung einer HIV-Therapie grosszügig gehandhabt. Es waren dann die Nebenwirkungen der Therapien, welche uns vorsichtiger werden liessen. Wir empfehlen den Therapiestart heute nur dann, wenn das Immunsystem schon recht stark geschwächt ist.

Mit den neueren Medikamenten wird die HAART nun auch wieder sehr viel besser toleriert. Viele Patienten nehmen ihre Therapie ohne jegliche Nebenwirkungen zu verspüren. Nun fragt es sich, ob man nicht doch vielleicht schon etwas früher mit der Therapie beginnen soll. Sabbaj et al.

Eine neue Studie
aus Birmingham, Alabama, bringt nun wieder etwas Wind in diese Richtung. Wir wissen nämlich schon recht lange, dass bereits in den ersten Monaten der HIV-Infektion das Immunsystem im ganzen Darm praktisch völlig zerstört wird. Wir wissen auch, dass die Abwehrzellen, welche gegen das HIV selbst gerichtet sind, sehr gezielt am anfang der Infektion zerstört werden. Die neue Studie hat eine noch wenig bekannte Eigenschaft von Memory-Zellen untersucht. Es handelt sich um CD8+ Zellen, welche den CD127 Rezeptor exprimieren. Dies kann in hoher (hi) oder tiefer Konzentration (lo) erfolgen. Der CD127-Rezeptor befähigt die Zellen, auf Interleukine (IL-7, IL15), also Botenstoffe des Immunsystems zu reagieren. Er ist also entscheidend für das korrekte Funktionieren des Immunsystems.

Die Studie hat bei vier unterschiedlichen Patientenpolulationen (und HIV-negativen Kontrollpersonen) die Expression des CD127-Rezeptors auf CD8+ Zellen untersucht:

  • chronisch infizierte, unbehandelte Patienten mit hoher Viruslast (HIV+VL+)
  • chronisch infizierte aber behandelte Patienten ohne nachweisbares Virus (HIV+VL-)
  • "Controllers", Patienten, welche ohne Therapie eine sehr tiefe VL und hohe CD4 haben
  • Patienten, welche bereits in den ersten 0-4 Monaten der Infektion mit der Therapie begonnen haben (Early)

Die nebenstehende Abbildung zeigt sehr schön, dass bei allen HIV-positiven Personen mit Ausnahme derjenigen mit dem frühen Therapiebeginn, die Zahl der CD127hi-positven CD8-Zellen deutlich eingeschränkt ist. Erstaunlich auch, dass dies auch bei den "controllers" der Fall ist. Allerdings hatten in dieser Gruppe nur 2 von 7 eine gar nicht nachweisbare Viruslast. Kein Unterschied zeigte sich bei der CD127-Expression von CD4 Zellen.

Auch die HIV-Abwehr bleibt intakt
Die Autoren haben weiter auch noch die Funktion dieser Zellen untersucht. Wenn CD8 Zellen mit Fremdem Einweis in Kontakt kommen, so produzieren sie Cytokine (Il-2, Interferon). Bei HIV-infizierten wissen wir, dass gerade diejenigen Zellen geschädigt sind, welche spezifisch gegen HIV gerichtet sind. Die Autoren haben nun auch dies untersucht und gezeigt, dass die Abwehrfunktion (Interferon oder IL-2 Produktion) beim Kontakt mit HIV-Eiweissen bei der Gruppe mit dem frühen Threapiebeginn praktisch vollständig erhalten blieb.

Wir meinen: Die Behandlung der HIV-Primoinfektion ist sinnvoll!
Die Studie ist wiederum ein kleines Mosaiksteinchen im sich immer deutlicher abzeichnenden Trend, dass ein sofortiger Behandlungsbeginn im Rahmen der HIV-Primoinfektion durchaus sinnvoll sein dürfte. Verzögert man den Therapiebeginn, so verpasst man die Chance diese für das Immunsystem wichtigen Zellen zu bewahren. Abbrechen kann man die einmal eingeleitete Therapie später jederzeit.

Quelle: Sabbaj et al, JID, 2007; 195:108-17


Prof. Dr. Pietro Vernazza

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